Die Gazette Nr. 10, Januar 1999:

Net-Ticker
 
Schnappt Karadzic!

Das soeben erschienene Buch „Dear Jacques, Cher Bill" (der Journalisten Tom Sancton und Gilles Delafon) enthüllt einen bisher unbekannten Geheimplan: die Festnahme des serbischen Kriegsverbrechers Karadzic.
Die Titelhelden, die Präsidenten Frankreichs und der USA, heckten die  Pläne angeblich zusammen aus. Karadzic sollte im Dezember 1995, anläßlich der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens in Paris, gewaltsam entführt werden. Anderthalb Jahre danach sprach Chirac den amerikanischen Präsidenten erneut darauf an, und die Geheimdienste der beiden Länder erarbeiteten einen Aktionsplan. Aber bevor er zur Ausführung kam, sahen die Amerikaner die Geheimhaltung gefährdet, weil ein hoher französischer Offizier sich mehrmals mit Karadzic in Bosnien getroffen hatte. Paris hielt dem zwar entgegen, der Offizier versuche nur die friedliche Festnahme des Serben, die Amerikaner hatten jedoch ab da  keine rechte Freude mehr an dem Unternehmen und gaben es auf.
 

Buchladen überbewertet

Angenommen, keiner in den USA kaufte mehr ein Buch und alle steckten das so gesparte Geld in einen gemeinsamen Topf: Dann lägen am Ende eines Jahres ziemlich zweiundzwanzig Milliarden Dollar darin.
Aber selbst das würde nicht reichen, um alle Aktien des Online-Buchladens amazon.com aufzukaufen. Die Aktie ist in achtzehn Monaten von drei auf hundertfünfzig Dollar gestiegen. Und Amazon beherrscht heute etwa achtzig Prozent des gesamten Buchmarkts in den USA. Trotzdem ist nicht ganz erklärlich, wieso die Firma erheblich mehr wert sein soll als die Summe aller Produkte, die sie verkauft.
Dabei macht Amazon, bei steigenden Umsätzen noch immer keinen Gewinn und setzt den Großteil seiner Bücher in ganz konventionellen Buchhandlungen ab (von denen man weiß, daß es ihnen notorisch schlecht geht, zumindest boomen sie nicht).
Vermutlich wissen das die Aktienkäufer auch, aber sie erwarten eben, daß die Gewinnzone, ein sagenhaftes Eldorado, hinter der nächsten Ecke liegt. Und diese Erwartung treibt den Kurs in die Höhe.
Mit anderen Worten: Die Amazon-Aktie ist deutlich überbewertet.
 

www.stephenking.com

Der Horror-Schreiber hat eigentlich mit dem Internet überhaupt nichts im Sinn, vermutlich besitzt er nicht mal eine E-Mail-Adresse. Aber jetzt hat er eine eigene Internet-Seite eingerichtet (siehe Überschrift). Nicht so sehr für als irgendwie gegen die Hunderttausende seiner Fans in dieser Welt.
Die nämlich stellen, vom Autor natürlich nicht autorisiert, unzählige eigene Fanclub-Seiten ins Netz, die zum Teil recht original aussehen. Sie heißen etwa „The Stephen King Headquarters" oder „The Stephen King House o'Love", manchmal auch bescheiden   „Willkommen auf meiner King Page" (in Deutschland) oder, geheimnisvoller, „Insomnia" (in Griechenland). Ein ganz cleverer Buchclub hatte sich bereits die Adresse „stephenking.com" gekapert, aber der Autor konnte sie ihm wieder abnehmen.
Auf all diesen inoffiziellen Web-Seiten wird dauernd Unzutreffendes gemeldet, etwa daß King Bücher signiert, die man ihm schickt, welche Biersorte er trinkt oder daß er jeden Besucher durch sein Haus führt wie durch ein Museum.
Mit seiner eigenen Homepage will King nun seinen Fans „Tatsachen, keine Gerüchte" liefern. Seine Assistentin, die schon jetzt täglich vierhundert Leser-Briefe bearbeiten muß, wird zu tun haben.
 

Ein eigenartiger Mutter-Tochter-Konflikt

Die „Süddeutsche Zeitung", bisher im Süddeutschen Verlag zuhause, ist seit dem 27. Dezember 1998 in eine neue hundertprozentige Tochtergesellschaft des Verlags ausgelagert, die „Süddeutsche Zeitung GmbH". 
Ein Anteilseigner des Verlags, die Familie Goldschagg (23,1 Prozent), war zuvor gerichtlich gegen die Auslagerung vorgegangen; der angesetzte Termin jedoch am 30. Dezember 1998 wurde kurz vorher ohne Angabe von Gründen abgesagt. Der Grund für den Widerstand lag in der Befürchtung, die angesehene könnte Tageszeitung damit leichter verkauft werden - etwa an die WAZ-Gruppe. Nach einem Bericht der Wiener „Presse" hat ein Verlagssprecher zwar die Verkaufsgerüchte nicht kommentiert, aber eingeräumt, daß es über die Ziele der neuen Tochter „unterschiedliche Aufassungen" gegeben habe. 
Falls es wirklich zu einem Verkauf käme, hätte übrigens auch die Wiener Zeitung „Der Standard", an dem die Süddeutsche Zeitung" seit kurzem 49 Prozent hält, ein neues Dach. 
 

Mozart aus dem Computer

Das war nicht anders zu erwarten: Ein Musikprofessor der University of California hat die Kompositionstechnik Mozarts analysiert und dann ein dementsprechendes Computerprogramm geschrieben, das nun selbständig „Mozart-Symphonien" hervorbringt. Wenn Sie auf Ihrem Computer einen neueren Real-Player haben, können Sie sich hier das Automaten-Produkt anhören. Es klingt mehr nach einem - eher durchgefallenen - Schüler von Salieri als nach Mozart. Auch eine ziemlich hölzerne Chopin-Imitation und eine stolpernd in sich selbst verlaufende Variante der Mondschein-Sonate werden dort geboten. 
David Cope, der Autor des Komponier-Programms, beschreibt den Erkenntniswert seiner Schöpfung so: Wir sehen, daß Musiker, die wie für gern hochkrativ halten, es gar nicht sind; vielmehr verwenden sie immer wieder ihre eigenen musikalischen Muster und Stilmerkmale. Mit Respekt: Ein gewaltiger Durchbruch ist das nun nicht, das weiß jeder Musikstudent nach dem dritten Semester. Aber Cope ist begeistert: „Der Computer ist ein selbständiger Komponist. Bach und Mozart hätten es gut gefunden." 
Anthony Pople, Musikprofessor in Southampton (England), hält die Computer-Komponate allenfalls für etwas wie Nescafé, der den Vergleich mit richtigem Kaffee nicht aushält: „Es klingt tatsächlich wie eine Musik, die dem Stil des Komponisten folgt, aber ab und zu macht sie etwas falsch. Sie entgleist von Zeit zu Zeit. Es ist wie Wassertreten." Aber er fügt hinzu: „Wahrscheinlich würde ich annehmen, das Stück sei von einem weniger bekannten, schlechteren Zeitgenossen von Mozart. - Allerdings: Falls ein Computer eines Tages auf einem höheren Niveau arbeitet und das Wesen der musikalischen Innovation erfaßt, dann könnte er etwas wirklich Neues liefern. Dann wäre ich beeindruckt. In den nächsten 20 Jahren könnte es dahin kommen." 
 

Ungarn Ehrengast der Frankfurter Buchmesse

„Jung und weltoffen" wird Ungarn auf die nächste Frankfurter Buchmesse gehen, die vom 13. bis 17. Oktober 1999 stattfindet. Man wolle, so Gergely Pröhle, Staatssekretär im Budapester Kulturministerium, das Bild eines Landes vermitteln, das „Jahrhunderte hindurch kulturelle Wirkungen empfangen, aufgearbeitet und weitergegeben hat". 
Eröffnet wird die Präsentation von Staatspräsident Arpad Göncz, der am Volksaufstand 1956 beteiligt war, dafür sechs Jahre ins Gefängnis kam und danach als Schriftsteller und Übersetzer arbeitete. 
Ungarn ist das erste ex-kommunistische Land, das in dieser hervorgehobenen Weise in Frankfurt auftritt. Vorgesehen sind ein eigener Pavillion von achtzehnhundert Quadratmetern und ein Rahmenprogramm mit Ausstellungen, Konzerten, Theater- und Filmaufführungen. 
 

Star-Vorleser

„Des Kaisers neue Kleider", das Andersen-Märchen, hat die Starbright Foundation zu einer Nacherzählung inspiriert. AndersenDie Stiftung (Vorsitzender: Steven Spielberg) kümmert sich um die Verbesserung der Lebensqualität schwerkranker Kinder. 
Herausgekommen ist nicht nur ein neues, aufwendig illustriertes Buch (bei Harcourt Brace), sondern - klar - auch eine Begleit-CD. Das Neuartige an der recht eigenwillig mit zeitgenössischen Kalauern und Wortspielen gespickten Nacherzählung sind die Autoren und Vorleser. Der KaiserJeder der dreiundzwanzig Abschnitte des Märchens wurde nämlich von einem Filmstar oder einer sonstigen Berühmtheit geschrieben und dann auch gelesen. Harrison Ford zum Beispiel (mit Melissa Mathison) hat die betrügerischen Weber neu erzählt, Madonna die Kaiserin (was sonst?), Jeff Goldblum den Oberzeremonienmeister und Robin Williams den Hofnarren. Die „kaiserliche Unterwäsche" hat Calvin Klein übernommen. Auch ein General kommt vor, geschrieben und gesprochen von General Norman Schwarzkopf.  Und den mutigen Jungen, der den Schwindel auffliegen läßt, spricht der Stiftungsvorsitzende höchstpersönlich. Alle haben ihre Honorare dem Stiftungszweck überlassen. 
 

Risiko-Autor"

Am 24. Dezember des letzten Jahres teilte die iranische Zeitung „The Times" mit, daß British Airways mit Salman Rushdie als Fluggast „ein großes Risiko" auf sich nimmt. Am Tag zuvor hatte die Fluglinie angekündigt, sie habe vom Außenministerium die Zusicherung erhalten, daß die Beförderung des Schriftstellers keine Gefahr mehr bedeute. "Das Foreign Office", zitierte die iranische Zeitung einen ungenannten „Experten", „sollte nicht derartige Zusicherungen abgeben und statt dessen den Glauben von mehr als einer Milliarde Muslimen respektieren." 
Erst im vergangenen September hatte die britische Regierung mit dem Iran die diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen, nachdem die Regierung in Teheran zugesagt hatte, gegen Rushdies Leben nicht mehr zu unternehmen. 
 

Ausländer raus - aus Holland

Die holländischen Behörden greifen - so sagt man wohl - durch. Illegale Einwanderer aus der Türkei, Afghanistan und dem ehemaligen Jugoslawien werden nicht länger geduldet. 
In ihrem Übereifer haben sie jetzt auch einen amerikanischen Historiker als illegal enttarnt: Er hat keine Arbeitserlaubnis, also kein Einkommen, und so droht jetzt auch ihm die Abschiebung, wenn er nicht bis zum 15. Januar von selbst geht. 
Dr. Jeremy Bangs ist der Gründer und Leiter des kleinen, gerade dreizehn Monate alten Pilgerväter-Museums im mittelalterlichen Leiden. Und das macht die Ausweisung so pikant ironisch. Das Museum erinnert an die hundert Passagiere der „Mayflower", die am 20. September 1620 nach Westen segelten, in die späteren USA. Vor ihrer Abreise hielten sie sich elf Jahre in Holland auf, das damals stolz verkündete, das Land „verweigere keinem ehrlichen Menschen den freien Eintritt". Aber das war im Jahre 1609. 
Das Pilverväter-Museum muß jetzt wohl geschlossen werden. „Ich bin kein Flüchtling", sagt Bangs hilflos, „ich bin Historiker." Aber die New England Historic Genealogical Society, die ihn bezahlt (auch seine Krankenversicherung) wird von den Holländern nicht als legaler Arbeitgeber akzeptiert. Für sie ist der Wissenschaftler und zehnfache Buchautor eine Art gehobener Penner. 
Seine Kollegen in der Welt laufen Sturm gegen solche administrative Blindheit, sogar das holländische Kulturministerium möchte das Museum „im Interesse der Niederlande" erhalten wissen. Aber das zuständige Justizminsterium bleibt unbeweglich. 
 

„Kein Angriff auf die Nobelpreisträgerin"

Die Indianerin Rigoberta Manchú (Guatemala), Trägerin der Friedensnobelpreises 1992, ist auch in Europa keine ganz Unbekannte mehr. 
Bereits 1983 hatte sie ihre Autobiographie veröffentlicht, „Ich, Rigoberta Manchú" (bisher nicht ins Deutsche übersetzt). Darin beschreibt sie in lebhaften Szenen die Unterdrückung der Indianer in ihrem Land. Unter anderem schildert sie ihre unterrichtslose Kindheit und dann auch, wie sie nur tatenlos zusehen konnte, während ihr jüngerer Bruder verhungerte und ein zweiter Bruder durch Verbrennen „hingerichtet" wurde. 
Der Anthropologe David Stoll bezweifelt jetzt die Authentizität dieser Schilderungen. Frau Manchú, hat er in Interviews und mit Hilfe eines „Times"-Reporters herausgefunden, habe durchaus eine normale Schullaufbahn absolviert, und der jüngere Bruder habe nie existiert. Und der im Buch beschriebene Kampf um ein Stück Land sei ein purer Familienstreit gewesen, und nicht die Ausbeutung durch die mächtigeren Landlords europäischer Herkunft. 
Frau Manchú geht nicht im Detail auf die Vorwürfe ein, hat sich aber - laut einem Zeitungsbericht von 17. Dezember - vorgenommen, ihr Buch „bis zum Tod zu verteidigen". Diese Kritiker, sagt sie, „waren nicht dabei und haben unsere Leiden nicht gesehen. Sie versuchen lediglich, die historische Erinnerung an die Opfer in Guatemala auszulöschen." 
Stoll, der selbst mehrere wissenschaftliche Artikel über die Repression gegen die Indianer in Guatemala veröffentlicht hat, erwiderte, seine Kritik sei „kein Angriff gegen die Friedenspreisträgerin, sondern gegen ein Buch, das zu einem bestimmten Zeitpunkt einem guten Zweck gedient hat". Und er fügt - richtig - hinzu, es hätte damals wohl nicht die große Aufmerksamkeit gefunden, wenn die Autorin diese Greueltaten nur vom Hörensagen erzählt hätte. 
 

Drehbuch: Salvador Dalí

Der Künstler, gestorben 1989, hat tatsächlich ein Drehbuch hinterlassen, ein ziemlich surrealistisches natürlich. Jetzt wurde ein Film daraus, Titel: „Babaouo" (Regisseur: Manuel Cusso-Ferrer; Premieren in Figueras, Montreal und Brüssel). Babouo ist der Held der Liebesgeschichte, und die Prinzessin Matilde die von ihm begehrte Schöne. 
Dalí war von seinem Werk begeistert („das Beste, was ich geschrieben habe"). Es entstand nach der Zusammenarbeit mit Luis Buñuel bei dessen berühmten Filmen „Ein andalusischer Hund" und „L'age d'or". Offensichtlich wollte Dalì zeigen, daß er auch nach der Trennung von Buñuel aus eigener Kraft zu einem eigenen Drehbuch fähig war. 
 

Der Spionageroman nach dem Kalten Krieg

Thriller-Autoren, Hauptfach: Spionage, haben es derzeit schwer. Das Genre braucht jemand, vor dem man sich fürchtet, und im Idealfall einen Krieg, auch wenn es bloß ein Kalter ist. „Das Goldene Zeitalter des Spionageromans ist vorbei", sagt Bestsellerautor Ken Follett. 
Er und sein nicht weniger erfolgreicher Kollege Robert Ludlum haben ihre Verlage „verlassen", was nur ein höflicher Ausdruck dafür ist, daß die Verlage die schwindenden Umsätzen mit diesen Autoren nicht mehr recht attraktiv fanden. 
Auch Len Deighton hat, wirtschaftlich gesprochen, nachgelassen. Die Geschichte seines unvergleichlichen Anti-Helden Bernard Samson ging zwar noch weiter in einer interessanten Trilogie, schaffte es aber nicht mehr in die Hitlisten. Frederick Forsyth, von dessen „Schakal" einst mehr als vier Millionen Exemplare verkauft wurden, hat zwar jüngst einen neuen Roman nachgeschoben („Icon"), aber der rutschte schon zwei Wochen später aus den Bestsellerlisten heraus. Jetzt versucht er sich an einer Art Fortsetzung von „Das Phantom der Oper"; der neue Titel heißt „Das Phantom von Manhattan" und kommt mit einem anderen Agenten und bei einem anderen Verlag heraus als die bisherigen Forsyth-Bücher. 
Ähnlich John le Carré. Er hat sich ebenfalls einem neuen Literaturagenten anvertraut und - nach zwanzig gloriosen Jahren - seinen alten Verlag verlassen und ist zu Scribner gegangen. Sein neues Buch, „Single & Single", das im März erscheinen soll, kommt mit vergleichsweise bescheidenen dreihunderttausend Exemplaren auf den Markt. „Single & Single" bringt denn auch nicht mehr Spione im Halbdunkel, sondern die ebenso undurchsichtige der Finanzwelt ins Spiel. 

Japanische Verleger leben gefährlich

Der dreiundzwanzigjährige Susumo Yokota bewaffnete sich mit einem Baseballschläger, drang am 8. Januar in den Verlag von Aoki Shoten in Tokio ein, riß die ausgestellten Bücher aus den Regalen, bedrohte die Angestellten, die in Panik flüchteten, und verkündete lauthals schreiend, „Our Nanking Platoon" enthalte nichts als Lügen. Glücklicherweise richtete er nur Sachschaden an.
Der gewalttätige Protest richtete sich gegen ein Buch des Verlags, das die Ermordung und Vergewaltigung tausender Zivilisten durch die japanische Armee 1938 in Nanking (heute Nanjing) detailliert schildert.
Yokota wurde kurz nach seinem Überfall verhaftet.
 

Popeye heiratet 

Der spinatfressende Seemann und Muskelprotz wird weich. Bisher hatte er immer den Spruch drauf: „Das nächste Mal, wenn ich in den Hafen einlaufe, heiraten wir." Adressatin war immer die stangendürre Olive Oil, die er schon seit 1929 kennt, da entdeckte er sie als blinde Passagierin auf seinem Schiff.
Nach siebzig Jahren ist es nun wirklich soweit, im nächsten Popeye-Comicbuch, das im Februar erscheinen soll.
Romantik verkauft sich eben besser.
 

Shakespeare weit vor Miss Piggy

In einer Umfrage der BBC wurde William Shakespeare als die bedeutendste Peron des fast vergangenen Jahrtausends ermittelt. Elftausendsiebenhundertsiebzehn Buchleser stimmten für ihn, womit er knapp vor Winston Churchill liegt (zehntausendneunhundertsiebenundfünfzig Stimmen). Auf den dritten Platz kam bemerkenswerterweise der eher nur Fachleuten bekannte erste Buchdrucker Englands William Caxton, aus dem 15. Jahrhundert. 
Zur Auswahl standen außerdem Königin Elisabeth I., König Heinrich VIII., Isaac Newton Oliver Cromwell, aber auch die Rolling Stones und - Miss Piggy aus der Muppet-Show.
 

Was kostet ein Marilyn-Monroe-Brief?

Viel. Sehr viel. Genau dreiundvierzig-
tausendeinhundertfünfundzwanzig Dollar (bei Sotheby's). Dabei hat sie ihn strenggenommen gar nicht mal mit Marilyn unterschrieben, sondern mitMonroe
Norma Jeane [Baker Dougherty, bereits verheiratet], wie sie im Alter von sechzehn Jahren noch hieß, als sie den Brief im Februar 1943 an ihren Pflegevater verfaßte. Und voller Grammatik- und Rechtschreibfehler sind die fünf Briefseiten auch noch. Sogar die Unterschrift gibt orthographische Rätsel auf: Keiner weiß, wieso an dem „Jeane" noch ein „e" dranhängt, wo die Autorin sonst immer mit „Jean" unterzeichnete.
Der Anlaß des Schreibens: ihre Aufregung vor der ersten Begegnung mit ihrem leiblichen Vater. Darin der rührende Satz: „Ich hoffe nur, daß er mich auch sehen will." Es ist nicht bekannt, ob die Begegnung dann auch wirklich stattfand.
 

Tintin bei den Sowjets

Auf ihre eigene Weise arbeitet jetzt eine kommunistische Zeitung ihre stalinistische Vergangenheit auf, „L'Humanité" in Paris: mit einem Comic-Nachdruck.
In diesem Jahr hat die Tintin-Serie siebzigsten Geburtstag. Zu diesem Anlaß möchte „L'Humanité" Teile einer uralten Tintin-Geschichte nachdrucken, die den Titel trägt „Tintin au pays des Soviets". In der kruden antikommunistischen Geschichte von 1929 kämpft der kindliche Reporter gegen den KGB und Funktionäre, die so blutrünstig und karikaturesk aussehen, daß dieser Tintin, wohl aus Angst, ein politisches Großereignis auszulösen, niemals wieder neu als Hardcover aufgelegt wurde. Die meisten Tintin-Sammler und -Liebhaber mußten sich mit schlechten Photokopien begnügen.
„L'Humanité" will jetzt ganz objektiv Tintins Abenteuer mit den Realitäten des Stalinismus vergleichen und erwartet als Ergebnis, daß Tintin doch nicht so unrecht hatte.
Und Tintin-Veleger Casterman bringt zum Geburtstag nun doch eine neue Hardcover- Ausgabe heraus.
 

Britische Uni-Bibliothekare sauer

Die Universität von Keele (Staffordshire) braucht Geld und hat eine Sammlung von eintausendvierhundert alten Mathematik-Büchern verkauft, darunter die ersten drei Ausgaben der „Principia mathematica" von Isaac Newton und andere Bücher aus seinem Besitz, viele mit eigenhändigen Anmerkungen versehen. Der Verkauf brachte eine Million Pfund ein. Die Begründung der Universität: Die Bücher würden „selten benutzt" und stünden in keinem Zusammenhang mehr mit den derzeitigen Vorlesungen.
Andere Universitätsbibliotheken, darunter das Trinity College in Cambridge, wo Newton lehrte,  und die Bodleian Library in Oxford waren nicht konsultiert worden und erfuhren erst Mitte Dezember, daß sich die Sammlung jetzt in Privatbesitz befindet. Sie hätten, nach Auskunft ihrer Bibliothekare, alles unternommen, um die Summe selbst aufzutreiben: „Eine Million ist keine Unmöglichkeit."
Die Sammlung gehörte vorher Charles Turner, einem exzentrischen Beamten, der um seiner Bücherliebe willen auf fast jeden häuslichen Komfort verzichtete. 1959 stiftete er seine Bibliothek der Universität von Keele, um sie der interessierten Allgemeinheit zugänglich zu machen.
Damit ist es jetzt wohl vorbei.
 

Der neueste neue Duden

Ein Wörterbuch rudert zurück. Nachdem der Duden - und nicht nur er, auch die nachgeschossene Bertelsmann-Rechtschreibung -  die Reform etwas zu schnell übernommen hat, muß er jetzt, nach einer ersten Reform der Reform, eilig ein gemäßigteres Ufer anlaufen.
Er gibt sich sogar regelrecht konterrevolutionär. Beispiele: Das Komma vor dem erweiterten Infinitivsatz ist mit einem Mal wieder verbindlich; zusammengesetzte Adjektive wie „kostensparend" (die wir eigentlich nur noch als „Kosten sparend" schreiben dürften) sind jetzt immerhin wieder erlaubt; und auch das zusammengeschriebene „wiedersehen" ist wieder da. „Diskrete Rückzieher" nennt das die Berliner Zeitung.
Verlage und Nachrichtenagenturen pflegen bisher noch und wohl bis zur endgültigen Einführung der Rechtschreibreform eine weise Hinhaltetaktik. Die von der Kommission selbst als „unumgänglich notwendig" bezeichnete Überarbeitung wird sicher weitere abgeschaffte, aber schmerzlich vermißte Schreibungen rehabilitieren.
Wir lernen: Nur Dumme kaufen sich vor 2005 jedes Jahr einen neuen Duden.
 

Beruf: Klinikarzt und Dichter

Klausjürgen Wussow, neunundsechzig Jahre alt, denkt in einem Interview mit der Main-Post „eigentlich nicht" daran, seinen Aktivitätsrhythmus zu verlangsamen. Oder vielleicht doch („Ich sollte ein bißchen kürzertreten, aber ich muß nicht: Mir geht's gut")? Immerhin bleibt er dem alten Metier treu und spielt demnächst, in Mexiko, den Brinkmann in der „Klinik unter Palmen". Und dann malt er ja auch und hatte „zuletzt" eine Ausstellung in Wien.
„Außerdem ist", so teilt er uns mit, „auch in Wien, ein Gedichtband herausgekommen. Es gibt viel zu tun." 
Vielleicht sollte Wussow sich mal entscheiden, was er nun sein will, Maler oder Dichter oder Brinkmann. Immerhin: Seit dem Einhundertsechzehn-Seiten-Lyrik-Bändchen 1988 hat er keine Gedichte mehr veröffentlicht. Gut so.
 

Handbuch mit Rückgaberecht

Englands größte Buchhandelskette, W H Smith, hat an Weihnachten arg danebengegriffen. Sie hatte ihren Kunden als Geschenk unter dem Christbaum ein Paket verkauft, in dem ein „sinnliches Massage-Öl" lagen, das Kama-Sutra und - für alle Fälle - auch noch ein fünfzehnhundert Jahre altes „indianisches Sex-Handbuch". 
Smiths Manager, vermutlich - allerdings etwas zu spät - schamgerötet, veröffentlichten jetzt einen warnenden Rückruf in mehreren Tageszeitungen: Das Massage-Öl rufe Hautirritationen und Flecken in Textilien hervor.
Anscheinend ist nicht viel passiert. Und jeder Käufer bekommt, wenn er will, sein Geld zurück.
 

Shakespeare gestohlen

In der Universitätsbibliothek von Durham in Nordengland vermißt man seit dem 17. Dezember zwei jahrhundertealte Manuskripte und fünf kostbare Bücher. Sie wurden aus einem Schaukasten in der Bibliothek gestohlen, während der Öffnungszeit. Der Wert der geraubten Stücke beträgt über eine halbe Million Mark. Unter ihnen sind eine historische Ausgabe der Werke von William Shakespeare (von 1623) und ein Gedicht von Goeffrey Chaucer in einem Manuskript aus den 15. Jahrhundert
Die Bücher sind „unersetzlich", sagte ein Sprecher der Universität, und „legal absolut unverkäuflich".
 

Eine Sprachmauer in den Köpfen?

Nachdem er mit seinem Widerstand gegen die Rechtschreibreform nicht recht zum Zug kam, macht sich Gerhard Stickel, Direktor des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim, nun Sorgen um das Gesamtdeutsch in Ost und West.
Er stellt fest, daß in den neuen Ländern nur ein Viertel aller Deutschen Englisch kann, und die fühlten sich nun alle „auf den Arm genommen" durch die Flut von Anglizismen im Deutschen, die oft nur eine boshafte „Erfindung von Werbeagenturen aus Düsseldorf" seien. Sein Paradebeispiel: das „Handy" (mit dem Wort könnten, so lautet sein Zweit-Vorwurf, weder Engländer noch Amerikaner etwas anfangen). Es ärgert ihn überdies, daß der Bankier neuerdings „Banker" heißt und daß man nicht mehr zum „Rendezvous" geht, sondern zum „Date".
Armes, wortarmes Mannheimer Institut! 
Der Parade-Vorwurf hängt außerdem etwas schief: Wenn es das „Handy" gar nicht gibt im Englischen, dann ist es logisch auch kein Anglizismus. Ist aber, mal sprachgeschichtlich gesehen, auch ganz egal. Da sich das Wort mit der Sache unaufhaltsam durchsetzt, sind Stickels Sorgen wohl in den Wind gesprochen. Aber vielleicht macht ihm ja mal einer klar, daß zwischen „Bankier" und „Banker" einen offenbar als nötig empfundenen Bedeutungsunterschied liegt. Und dann sollte Stickel uns mal sagen, wohin und mit welchen angegrauten Damen man noch zum „Rendezvous" gehen kann - ganz abgesehen von dem doch wohl ziemlich inakzeptablen Gallizismus.
 

Altersstarrsinn

Hoffentlich letzte Walsermeldung: Er hat wieder ein paar neue Anstöße genommen.
Ende Dezember publizierte „Newsweek" ein Interview mit dem Bodensee-Schriftsteller. „Frage [zugegeben: Rückübersetzung]: Sie sagten, sie hätten gezittert bei diesen Äußerungen. - Antwort: Ich habe gezittert, weil ich wußte, das sie ungewöhnlich waren. Sie waren nicht politisch korrekt. [Das ist zwar sich selbst überschätzender Unsinn, aber sozusagen der gewöhnliche Unsinn der Beleidigten. Jetzt aber kommts:] Frage: Sie haben gesagt, Auschwitz wird ausgebeutet. Von wem und wie? - Antwort: Ein Beispiel: Vor der Vereinigung Deutschlands haben deutsche Intellektuelle, die ich respektiere, argumentiert, wir verdienten die Teilung unseres Landes wegen Auschwitz. Es klingt sicher moralisch akzeptabel, zu sagen, wir hätten alles und jedes nach Auschwitz verdient. Aber für mich heißt das Auschwitz ausbeuten, weil das zwei verschiedene Dinge sind. Nach meiner Erfahrung wird Auschwitz often als Argument benützt, um jemanden zum Schweigen zu bringen. Wenn ich Auschwitz als Argument benütze, dann haben die anderen nichts mehr zu sagen. Manche Fälle sind haarsträubend. Bayerische Gegner eines liberaleren Abtreibungsgesetzes sprechen von einem Holocaust ungeborener Kinder. Oder jemand anderer nannte die Stasi- Überwachung ein Auschwitz der Seele."
Das klingt ungenau wie bisher, ausweichend und verdächtig nach rechtzeitig gefundenen Hilfsargumenten. Hat er bisher nicht lieber „die Medien" damit gemeint („Hitler treibt die Quote hoch", so er selbst im Interview)? Und jetzt diese drittklassigen, provinziellen und längst in den Boden kritisierten Gelegenheits-Übertreibungen? Ach, der Dichter schrumpft mit seinen Opponenten.