| Liebe und Souveränität
Auch wer (wie der stolze Joachim Kaiser) Bücher nicht hört,
sondern liest, kommt auch mal an Texte, die nicht zum stillen Lesen, sondern
zum Hören geschrieben wurden. Auch wenn das schon eine Weile her ist.
In diesem Fall ziemlich genau siebenhundertneunzig Jahre. Vermutlich
um das Jahr 1210 schrieb Gottfried von Straßburg seinen „Tristan",
ein mittelhochdeutsches Versepos von knapp zwanzigtausend paarweise gereimten
Zeilen. Herausgebracht hat es nun der HÖR Verlag, auf acht beidseitig
abspielbaren Tonkassetten, Dauer über zehneinhalb Stunden.
Hier setzt wohl ein vielfältiges Kopfschütteln ein.
Gottfried wer? „Tristan"? Mittelhochdeutsch? Versepos? Zwanzigtausend?
Gereimten? Zeilen? Und wer hat denn heute noch zehneinhalb Stunden Zeit
für sowas? In der Tat: Das sind acht Gründe, mit denen jeder
vernünftige Verlagslektor das Projekt ohne weiteres Nachdenken sterben
lassen kann.
Ausgenommen, der Vorschlag kommt mit zwei Glücksfälle daher.
Der eine ist technischer Natur: Es handelt sich um eine sechzehnteilige
Sendereihe, die der Sender Freies Berlin bereits aufgenommen hatte. Und
auf den zweiten Glücksfall kommen wir noch zu sprechen.
Erzählen wir, etwas ausführlich, den Gang der Handlung. Der
Roman ist die Geschichte von Tristan, der von dem unglücklichen Schicksal
seiner Eltern (der Vater wird im Krieg getötet, die Mutter stirbt
bei seiner Geburt) den sprechenden Namen hat: der Traurige. Er wird entführt
und an einem fremden Strand ausgesetzt, kehrt aber als junger Erwachsener
wieder heim. Sein König (und Onkel) Marke schlägt ihn zum Ritter.
Tristan wird im Kampf verwundet, fährt nach Irland und wird dort von
der Mutter der „blonden" Isolde geheilt. Zurückgekehrt erzählt
er Marke so lebhaft von dem jungen Mädchen, daß dieser beschließt,
sie zu heiraten. Er schickt Tristan als Brautwerber zu Isolde. Tristan
liebt Isolde bereits, als sie auf dem Schiff, das sie zu Marke bringt,
ihm unwissend den fatalen Liebestrank reicht. Isolde heiratet Marke, begeht
aber mit Tristan den unausweichlichen Ehebruch, und das fortgesetzt. Obwohl
der keimende Verdacht immer wieder durch allerlei Betrugsmanöver (darunter
ein getürktes Gottesurteil) zerstreut wird, schickt Marke beide in
die Verbannung. In der „Liebesgrotte" finden sie ein zeitweises Glück,
kehren aber erneut an Markes Hof zurück, nachdem der König wieder
einmal durch eine List getäuscht wurde und zur Versöhnung bereit
ist. Dann aber wird Tristan in flagranti erwischt und muß fliehen.
In der Fremde trifft er auf eine Königstochter, die den ihn verwirrenden
Namen Isolde „mit den weißen Händen" trägt, und heiratet
sie. An dieser Stelle bricht der Roman ab. Nur in anderen Fassungen des
Tristan-Stoffes - und so auch bei Richard Wagner - wird die Geschichte
weitergeführt: Der Held wird abermals verwundet, sendet nach der unvergessenen
„blonden", der heilkräftigen Isolde, man meldet ihm das falsche Zeichen:
das schwarze Segel am Horizont, er stirbt verzweifelt, Isolde eilt zu ihm
und stirbt an seiner Seite.
Auf der letzten Kassette berichtet der Erzähler diesen Ausgang
mit eigener Anteilnahme, die sich dem Hörer als spürbar innere
Bewegtheit mitteilt. Er hört zuletzt noch die dichterischen Schlußzeilen:
„Tristan starb vor Sehnsucht, Isold, weil sie zur [rechten] Zeit nicht
kommen konnte; Tristan starb starb vor Liebe und die schöne Isold
vor Liebesweh." Und dann auch noch das Ganze auf mittelfranzösisch,
in einer Sprache von schier weltferner Schönheit und Süße,
und vorgetragen von einer Stimme, die aus einem vollen Herzen genau zu
wissen scheint, wovon sie da spricht.
An dieser Stelle läßt sich der zweite Glücksfall nicht
länger verschweigen: Der Vorleser und Erklärer des Tristan-Romans
ist Peter Wapnewski, einer der letzten großen, umfassend gebildeten
Romanisten unserer Zeit. Sein Vortrag und die eingestreuten Erklärungen
sind getragen von unbestechlicher Souveränität und unwiderstehlicher
Wärme.
Er hat das allem Anschein nach aussichtslose Unternehmen bewältigt,
„das ferne, spröde, verschlüsselte Mittelalter" so zum Sprechen
bringen, daß wir es verstehen und hingerissen aufnehmen. Gleich zu
Anfang weist er kurz auf den Philologen Lachmann hin, der an Jakob Grimm
geschrieben hatte, er könne „den weichen und unsittlichen ‘Tristan'
kaum lesen". Und dann dieser Kommentar zu solcher Bewertung:
Das war die Zeit, als man den einfältigen Mut hatte,
die eigenen Moralvorstellungen in das Kunstwerk zu projizieren und dessen
Wert und Würde abhängig zu machen von dem Maß an Vollkommenheit,
mit dem das befragte Kunstwerk solcher eigenen Erwartung gerecht wurde.
Heute hingegen wissen wir, daß wir Grund haben, uns von der Kunst
Belehrung zu erhoffen über Wesen und Wert des Menschen und von ihr
zu lernen, was es auf sich hat mit dem „Sittlichen" und mit dem „Unsittlichen".
Wapnewski gelingt es, durch das Einlegen minimaler Pausen, diesen Gänsefüßchen
Lautgestalt zu verleihen. Noch beindruckender aber ist hier die in einem
langen Forschertätigkeit errungene Urteilssicherheit und Lebenserfahrung:
Hier wird ein sprachliches Kunstwerk nicht modisch als „Steinbruch" und
Probierfeld einer Selbstverwirklichung mißbraucht, sondern mit geschärfter,
ja man muß es so sagen: mit gebildeter Aufmerksamkeit in seinem Mitteilungswert
erkannt und dargestellt.
Immer wieder spricht der Erzähler den Zuhörer direkt an,
nicht selten mit ironischer Koketterie, so wenn er in der Einleitung von
der berühmten Handschrift C spricht, „die Sie unter dem Namen Manesse-Handschrift
kennen", oder kurz vorher von der Überlieferung redet, „nach der Sie
natürlich auch fragen". Dabei schenkt er dem Zuhörer keinen der
zum Verständnis der Sprachkunst des Tristan nötigen Fachbegriffe,
legt sie aber wie spielerisch auseinander, etwa den Chiasmus, der von dem
griechischen Buchstaben Chi kommt und „wie die Hühner der Witwe Bolte
in X-Form gebildet ist" und uns gleich darauf als Wortumschlingung und
„syntaktisches Liebesspiel" nahegebracht wird.
Selbstverständlich weiß Wapnewski uns an entscheidenden
Stellen auch die erforderlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu
erläutern. Den Vortrag der ergreifenden Abschiedsrede Markes, als
er die beiden Liebenden ins Exil schickt, unterbricht der Erzähler
Wapnewski etwa mit dieser eingefügten Klärung - und sich selbst
mittendrin selbst unterbrechend:
„Und wir müssen noch einmal dran denken: Wenn ein
Herrscher betrogen wird, dann ist das nicht irgendein betrogener Ehemann,
wie er in einer Dreieckskomödie auf dem Boulevard gespielt und belacht
werden kann, sondern --- ein betrogener Ehemann, das bleibt ein privates
Elend, eine private Tragödie. Ist aber ein König als Ehemann
beschädigt in seiner menschlichen Würde, so ist ihm sein Mandat,
seine Aura, die Legimitation seiner Herrschaftsausübung beschädigt.
Und das hat Marke hier endlich und allzu spät verstanden.
So auch immer wieder da, wo mittelalterliche Statusfragen, Normen oder
Usancen, blieben sie unerläutert, das Verständnis des Textes
verhindern würden. Und so kommt uns der Roman näher, „den man
in seiner Welt getrost als eine Ungeheuerlichkeit wird bezeichnen können"
(Wapnewski). Die Geschichte eines nicht enden könnenden Ehebruchs,
voller Listen und Betrügereien, einer Liebe, die im Kunstwerk entweder
nur als „Torso" und Abbruch enden kann oder im gemeinsamen Tod.
Abschließend noch zwei Bemerkungen, um erwartbareBefürchtungen
zu beschwichtigen. Wapnewski liest den Text, von kurzen Detailerklärungen
abgesehen, vollständig in einer neuhochdeutschen Übersetzung,
also durchweg verständlich. Und wer meint, er habe keine Zeit, sich
auf dieses Hörabenteuer einzulassen, dem sei gesagt: Man kann die
sechshundertvierzig Minuten ohne weiteres in ihre sechzehn Kassettenseiten
einteilen und einzeln hören, etwa auf dem Weg in die Arbeit und zurück
im Auto; zu Beginn jedes neuen Abschnitts faßt der Erzähler
das Wesentliche der vorhergehenden Kassette noch einmal rückblickend
zusammen.
Also: Wenn man schon nicht den von Wapnewski empfohlenen Reclam-"Tristan"
daheim hat („der in einer gebildeten Bibliothek sicher einen glanzvollen
Platz einnimmt"), dann sollte man wenigstens von Zeit zu Zeit eine Kassette
einschieben und sich, glücklicher als Tristan, an ein fernes Gestade
entführen lassen.
Barbara Kaunitz |
Gottfried von Strassburg
Tristan
Gelesen und kommentiert von Peter Wapnewski
Der HÖR Verlag, München 1998
8 Toncassetten, 640 Minuten
DM 132,--, öS 990, Sfr 113,--
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