Die Gazette Nr. 10, Januar 1999:

Leseproben
 
Eine fröhliche Kastration

Die kabarettistische Frage „Was will uns der Dichter damit sagen?" enthält immerhin noch das Urproblem der Hermeneutik („Verstehen wir, was wir lesen?"). In der kaum merklichen Umformulierung „Was hat er uns noch zu sagen?" wirds schon eng für den Dichter. Da ist er auf den Charts der Zeitgenossen schon ganz nach unten gerutscht und in hoher Gefahr, unter die Oldies zu geraten. Alain de Botton hat nun an die „Suche nach der verlorenen Zeit" eine amüsant neue Version der Frage gerichtet, nämlich die: Ist Marcel Proust vielleicht noch als praktischer Ratgeber für uns Heutige geeignet? Da seine Antwort zweihundertfünfunddreißig Seiten umfaßt, kann man annehmen, daß er die Frage bejaht. 
Der Autor blickt mit seinen neunundzwanzig Jahren schon auf eine recht vielseitige Vita zurück: geboren in der Schweiz, Studium in Cambridge, lebt in London (und schreibt auf englisch). Solides Schweizer Finishing, sagt man sich, vereint mit britischem Humor, das kann eigentlich nicht schiefgehen. Und wenn man dann noch zufällig die Doppelseite 42/43 aufschlägt und da einen dieser typisch Proustschen Bandwurmsätze sieht, der sich im Kleinstdruck, in Mändern und Spiralen bildlich über anderthalb Seiten hinschlängelt („sich siebzehnmal um den Bauch einer Weinflasche wickeln ließe") - ja, dann greift man zu. 
Man darf dann aber bloß nicht das Ende des Buches vorauslesen: 

Die Moral? Daß wir Proust keinen größeren Tribut zollen könnten, als wenn wir zum guten Schluß dasselbe Urteil über ihn fällen, das er über Ruskin fällte, nämlich daß auch seine Werke dem, der sich zu lange mit ihnen beschäftigt, trotz ihrer unbestrittenen Qualitäten irgendwann dumm, eigenbrötlerisch, enervierend, falsch und lächerlich vorkommen müssen. „Es hieße dem, was nur ein Anreiz ist, eine zu große Bedeutung geben, wenn man daraus eine Disziplin machte. Das Lesen liegt an der Schwelle des geistigen Lebens; es kann uns darin einführen, aber es ist nicht dieses Leben." 
Selbst die besten Bücher haben es verdient, in die Ecke geworfen zu werfen. 

Auf den ersten Blick verwirrt so ein Schluß. Wie kann ein Werk mit „unbestrittenen Qualitäten" einem plötzlich falsch und lächerlich vorkommen? Und wenn man schon gute Bücher nicht in die Ecke werfen sollte, warum dann die besten? Britischer Humor vielleicht? 
Nun denn doch nicht ganz. 
Die Frage klärt sich in de Bottons Verständnis des Werktitels (und dann des ganzen Riesenwerks). Er sieht darin als „zentrales Motiv" „die Suche nach den Gründen für die Vergeudung und den schmerzlichen Verlust von Zeit", wobei es da vor allem „um eine nützliche, allgemein anwendbare Geschichte darüber" geht, „wie man aufhört, sein Leben zu verschwenden, und es schätzen lernt". De Botton ist also in der „Suche nach der verlorenen Zeit" auf der Suche nach der praktisch angewandten, der hic et nunc gelebten Zeit, nur wenig bissiger formuliert: nach instant fun. 
Dabei geht er, wie gesagt, ganz amüsant vor. Er liefert uns zum Beispiel die Abbildungen schlimmer Korsettverbildungen und lustig hüpfender Damen aus dem Gesundheits-Buch von Marcels Vater, einem bekannten Arzt. Der Verdacht, das habe doch mit dem schreibenden Sohn nicht viel zu tun, erhebt zwar sein fragendes Haupt, aber schon kommt die nächste Abbildung, der „Greis mit seinem Enkel" von Domenico Ghirlandaio (1480), den Marcel Proust im Louvre nachdenklich angesehen hatte (und gleich danach ein Foto des Marquis de Lau, das die vom Betrachter festgestellte Ähnlichkeit des Marquis mit dem Ghirlandaio-Greis tatsächlich bestätigt). Also, das hat schon was. 
Auch im Weiterlesen trifft man auf so allerhand Fröhliches: ein Stück über Pascals „Pensées" etwa, einen Eisenbahnfahrplan von Paris nach Le Havre, etwas über den „All-England"- Proust-Zusammenfassungs-Wettbewerb der Monty-Python-Gruppe oder den Plan eines Theaterstücks von Proust. Fünf Personen des Romans werden zu Krankheits- und Patientengeschichten umgeschrieben, samt Therapievorschlägen. Ein hübscher Einfall ist auch das Gespräch, wie es zwischen Proust und James Joyce wortreich (und nicht so einsilbig wie in Wirklichkeit) hätte stattfinden können: 

Proust (in seinen Pelzmantel gehüllt, verstohlen an einem hommard à l'américaine herumstochernd): Monsieur Joyce, kennen Sie den Duc de Clermont-Tonnerre? 
Joyce: Bitte, appelez-moi James. Le Duc! Einer meiner besten Freunde, der reizendste Mensch, der mir zwischen Paris und Limerick je begegnet ist. 
Proust (freudestrahlend): Tatsächlich? Ich bin ja so froh, daß wir einer Meinung sind, wenngleich ich gestehen muß, daß ich noch nie in Limerick gewesen bin. 
Violet Schiff (sich dezent über den Tisch beugend, zu Proust): Marcel, kennen Sie James' großartiges Buch? 
Proust: Ulysse? Naturellement. Wer hätte dieses Meisterwerk unseres noch jungen Jahrhunderts nicht gelesen? (Joyce errötet bescheiden, kann jedoch sein Entzücken nicht verbergen)
Violet Schiff: Können Sie sich noch an eine bestimmte Passage erinnern? 
Proust: Madame, ich erinnere mich an das gesamte Buch. Zum Beispiel. Als der Held die Bibliothek betritt - bitte entschuldigen Sie mein mangelhaftes Englisch, aber ich kann einfach nicht widerstehen (rezitiert): „Urbane, to comfort them, the Quaker librarian purred ..."

Aber auch dieser Ablauf, kommentiert der kluge Autor die Szene, hätte die „Kluft zwischen Gespräch und Werk, zwischen Plaudern und Schreiben" nicht überbrücken können. 
Dann werden wir noch in eine Art Schule des Proustschen Sehens eingeführt und schießlich anhand eines längeren Frage-und-Antwort-Spiels in das Glück der Liebe. Und im letzten Kapitel über die Vorzüge und Grenzen des Lesens fehlt auch nicht das Rezept für die berühmte Crème au chocolat, die Françoise ihrem Marcel so gern servierte. 
Das liest sich fröhlich weg, die allenthalben eingestreuten Anspielungen, nicht zu schwer wiedererkennbar, schmeicheln dem Bildungswissen des Lesers, und manches ist wirklich notwendiger Hinweis, wie etwa die Warnung, „der Versuchung zu erliegen, nach Combray zu pilgern". 
Und doch. 
Es bleibt ein Gefühl des Mangels zurück, bei aller leichtfüßigen Einsicht eine Anmutung von Oberflächlichkeit, als wäre die Recherche des Autors trotz aller Fahrpläne und Marquis-Fotos doch nicht weit genug in dunklere Tiefenschichten gelangt. Solche immer lohnenden Abstiege liegen bei Proust nun nicht in irgendeiner Gedankentiefe, sondern in der Betrachtung des Körpers. 
De Botton bringt es fertig, ein halbes Kapitel lang den Kuß bei Proust zu reflektieren, ohne von dem Kuß zu sprechen, den der kleine Marcel eines folgenreichen Abends von seiner Mutter, anders als sonst, nicht bekam. Der Autor widmet ein Dutzend Seiten seinem Liebes- Katechismus, ohne die schwindelnd abgründigen Spiegelbilder von Prousts nicht eigentlich latenter Homosexualität zu erwähnen (die viele Seiten vorher unter „Peinliche Begierden" schnell abgehandelt wird, geradezu verschämt und ohne das Wort zu gebrauchen, allenfalls das Proustsche „invertiert"). Und in dem gesamten Abschnitt über das Lesen ist nirgends die Rede von Prousts kindlich-heimlicher Lust-Verknüpfung aus Lektüre und Masturbation. Von dem inneren Zusammenhang zwischen Prousts Unfähigkeit zu körperlicher Liebe und seiner entschiedenen Hinwendung zur Kunst, zum Schreiben, wollen wir gar nicht erst reden. In dieser lustigen Blütenlese ist Prousts Körperlichkeit einfach weggeschnitten. Was dann noch übrig bleibt, ist ein Stichwortgeber für den Entertainer. 
Kein Wunder, daß der Autor seinen Proust, nachdem er sich „zu lange" mit ihm beschäftigt hat, in die Ecke wirft. Die „Recherche" ist eben doch kein flinker Lebensberater. 

Philipp Reuter 

Alain de Botton
Wie Proust Ihr Leben verändern kann.
Eine Anleitung
S. Fischer, Frankfurt am Main 1998
235 Seiten, 13 x 21 cm
DM 34,--, öS 248, SFr 31,50
Umschlag de Botton