Die
Gazette Nr. 10, Januar 1999:
Lese-Effekte
„Vor dem Wiener Schwurgericht hatte sich der neunzehnjährige Diener des portugiesischen Gesandten Hermann Sch. wegen Betruges zu verantworten, weil er einen Scheck auf den Namen des Gesandten gefälscht und den eingesetzten Betrag von 7000 Kronen bei der Anglo-Österreichischen Bank zu erheben versucht hatte. Der Angeklagte gab an, er sei durch die Lektüre von Reisebeschreibungen, insbesondere der Schriften des Karl May, angeregt worden, auf Reisen zu gehen und Abenteuer zu erleben. Die Türkei war schon lange das Land seiner Sehnsucht, dahin wollte er reisen, mit Räubern kämpfen und Prinzessinnen befreien. Dazu kam, daß seine Eltern sich in größter Not befanden. Er selbst sei seit seiner Jugend krank, leide oft an Schwindel und an Bewußtseinsstörungen. Der Angeklagte entwickelte bei der Verhandlung seine absonderlichen und phantasievollen Pläne. Verteidiger: Für Abenteuer wollten Sie denn sonst noch - Angeklagter: Alles, was mir gerade untergekommen wäre, gerade so wie Karl May, der erzählt auch von so vielen Abenteuern, und die hat er alle allein bestanden. Was er kann, das hätte ich auch gekonnt.- Die Psychiater, die den Angeklagten untersucht hatten, gaben ihr Gutachten dahin ab, daß die Phantasie des Angeklagten durch die Lektüre der Mayschen Romane überreizt sei."
So konnte man es schon im Jahre 1907 im „Dresdner Anzeiger" lesen, und
der Kriminalpsychologe Erich Wullfen hat den Bericht für bemerkenswert
genug gehalten, ihn in sein damals aufsehenerregendes Hauptwerk „Psychologie
des Verbrechers" wörtlich aufzunehmen. Ihm diente er im Zusammenhang
seiner Analysen zur Dokumentation des
„Begehrlichkeitsaffekts" in seiner Variante als „Abenteuersucht", insofern
diese als ein mögliches Motiv zu kriminellen Handlungen angesehen
werden könne. Zugleich freilich bezeugt sich in dem hier wiedergegebenen
Text ein geradezu typisches Verfahren, das bei der Beurteilung von Wert
oder Unwert der Bücher Karl Mays von zahlreichen kritisch eingestellten
Literaturpädagogen seitdem immer wieder praktiziert worden ist. Berichte
wie der obige aus dem Bereich von Kriminalprozessen gegen Jugendliche werden
gerne herangezogen, um die verheerende Wirkung anzuprangern, die von der
Lektüre solcher Abenteuerbücher wie derjenigen Karl Mays auf
heranwachsende junge Menschen ausgehen müsse. Seither ist mit einer
nicht abreißenden Energie auf dieser Linie der Argumentation immer
wieder erbittert gestritten worden, und „es gibt", wie es in der Karl-May-Sondernummer
der vom „Volkswartbund" herausgegebenen Zeitschrift „Concepte" heißt,
„kaum eine Jugendbuchtagung, auf der sich Pädagogen und Bibliothekare
nicht zur Stellungnahme für oder gegen Karl May gedrängt sehen.
Für viele ist Karl May zum Eckstein ihres Berufsethos geworden".
Aus: Heinz Stolte, Ein Literaturpädagoge. Untersuchungen
zur didaktischen Struktur in Karl Mays Jugendbuch „Die Sklavenkarawane",
in: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1972/73