Die
Gazette Nr. 10, Januar 1999:
Kommentar
Endoskopie für alle!
Wir haben keinen Grund, uns erhaben zu fühlen über die Clinton-Sex-Obsessionen
der amerikanischen Medien: Unsere sind nicht viel besser. Höchstens
zynischer.
Dabei gehen sie nicht ungeschickt vor. Sie bringen Heikles keineswegs
immer nach der Maxime „Das Publikum will es" (aufgestiegen in den Rang
eines Kreuzzugaufrufs wie „Deus lo volt"), wie es etwa DER SPIEGEL macht,
der eine durchaus noch immer private Beschäftigung in seiner Serie
„Der öffentliche Sex" plattvulgarisiert. Andere sind da feinsinniger
und stellen das Intime unter dem halbgeöffneten Nobelmantel der Kritik
aus. So etwa in der guten alten, gelifteten Tante ZEIT. Hier lautet die
Hauptüberschrift „Amerika vs. Amerika" (nebenbei: haben Sie das hübsche
Insider-"vs." bemerkt?), und gleich darunter kommt in drei hämmernden
Kurzsätzen die moralische Überlegenheit zum Zug: „Clinton wird
angeklagt. Der Wahn regiert. Ein Land bekämpft sich selbst". Und -
Ganz ohne Liebe geht die Chose nicht - jetzt muß klar noch eine Frau
ins Bild. So (im Ausschnitt):
und zwar mit der schier fontanehaften Nebenzeile: „Eine Frau, die liebt."
In dem Vierspalter darunter geht es dann um die leidigen Puritaner, eine
vergiftete Atmosphäre und das - offensichtlich nur dort - gierige
Pressecorps („Herr Präsident, bitte mehr Dramatik und Emotionen").
So macht man das.
Und nun sehen wir mal genauer zu. Unter der „Frau, die liebt" steht
nämlich noch etwas, und zwar dies: „So wirkt Hillary. Aber wie sieht
es in ihrem Kopf aus?", was sich der Bildredakteur natürlich aus dem
Artikeltext gefischt hat, nämlich hier: „Während er sprach, nickte
sie und lächelte, wie sie in den letzten Monaten immer genickt und
gelächelt hat, liebend, vertrauend. In ihren Kopf würde man gern
einmal schauen."
Tatsächlich? Würde man gern? Ich zum Beispiel würde
nicht gern. Wer ist also „man"? Am Ende doch nur die Artikelschreiberin?
Und nichts als ihre spitze Neugier?
Was sich hier unwissentlich outet, ist ein Voyeurismus, den die Autorin
handkehrum als öffentliches Interesse ausgibt. Ein schmutziger Taschenspielertrick.
Die Behauptung, „man", also wir alle, würden gern einmal „in diesen
Kopf schauen" und seine geheimen Gedanken mitdenken, ist eine zudringliche
Frechheit. Sie tut genau das, was der Artikel wortreich beklagt: Sie durchbricht
die Grenze zwischen privat und öffentlich, Außenansicht und
Innenleben. Sie raubt dieser Politiker-Frau das Menschenrecht, etwas für
sich behalten zu dürfen. Sie befördert die „Tyrannei der Intimität",
wie Richard Sennett das genannt hat: die Dogmatik der sogenannten Authentizität.
Auf fatale Weise fallen damit beide Bereiche einer fortschreitenden
Zersetzung anheim: das private Leben, weil ihm alle Privatheit, das heißt
Verschwiegenheit und Zurückhaltung, genommen wird; und das öffentliche
Leben, weil es ohne eine kräftige Beimischung aus „Echtheit" und Innereien
als unwahr gilt. Es genügt nicht mehr, ein für andere und anderes
angenehmer und „passender" Mensch zu sein, wenn nicht gleichzeitig das
Innere mit nach außen gestülpt wird. Exhibitionismus als Daseinsberechtigung,
und nicht nur für Politiker.
Ich unterstelle der Schreiberin nicht die Absicht, die noch verbliebenen
Rücksichts- und Höflichkeitsreste Europas ausschaben zu wollen.
Sie ist womöglich, nebenbei und ohne es zu merken, auch nur ein Opfer
ihres Mediums. Oder es ist ein Mangel an intellektueller Disziplin. Eine
Art Autoimmunschwäche.
Louise Lasalle