Die Gazette Nr. 10, Januar 1999:

Kalenderblätter, sozusagen

Seit September und bis zum Juli nächsten Jahres zeigt jede Nummer dieser Zeitschrift eine Art Kalenderblatt, und zwar als Vorabdruck aus dem „Taschenlexikon Goethe" von Friedemann Bedürftig, das im Juli 1999 im Piper Verlag herauskommt. Monatlich bringen wir aus diesem Goethe-Manual einen Artikel, der den Klassiker auch einmal aus andersartiger, nicht-klassischer Perspektive betrachtet.
Als fünftes Stichwort kommt die

Italienische Reise

Zugleich völlig wahrhaft und ein anmutiges Märchen.
An Zelter 17.5.1815


Mitte des Lebens sowohl vom Zeitpunkt her wie im Sinn von Gipfel war für Goethe die Reise nach Italien 1786-88, wobei der Reiseaspekt durch den Titel der erst 1816 und 1829 darüber publizierten Bände einen falschen Akzent setzt. Natürlich war auch das zeitweilige Unterwegssein ein bedeutendes Ereignis, doch der fast zweijährige Aufenthalt unter südlicher Sonne in kulturgesättigter Umgebung bedeutete für die Entwicklung des Menschen und Dichters Goethe doch erheblich mehr. Die terminlichen Eckdaten: 3.9.86 Flucht aus Karlsbad, 14.9. in Verona, 28.9.-14.10. Venedig, 29.10. Ankunft in Rom, bis 22.2.1787 erster römischer Aufenthalt, 25.2.-29.3. in Neapel, dann bis 13.5. Reise nach Sizilien, 14.5.-3.6. erneut in Neapel, 7.6. wieder in Rom, bis 23.4.1788 zweiter römischer Aufenthalt, Rückreise über Mailand (22.-28.5.), 18.6. Ankunft in Weimar. Der Entschluß zur Fahrt war lange gereift und nach und nach immer dringlicher geworden. Als er dann gewagt war, erlebte Goethe eine Befreiung ohne gleichen von Fesseln des Dienstes, der Liebe zu Frau von Stein und der Freunde, von der heimischen Enge und von nördlicher Trübe, so daß er rückblickend und aufatmend erkannte: Wäre er geblieben, »so wäre ich rein zu Grunde gegangen« (12.10.1786). In Italien reiften Iphigenie und Tasso, Faust kam voran, ihm aber war der Süden weniger günstig. Es reifte aber vor allem der Autor, der seine prominente Identität hinter dem Pseudonym »Philipp Möller, pittore« (Maler) verbarg. Er reifte an der Fremde, am mediterranen Licht, im Anblick der Reste der Antike und in den Armen seiner Faustina, so daß er, wie vorausgesehen, »als neuer Mensch« zurückkam (an die Mutter 29.10.1786). Was er in Italien aufnahm, sollte das weitere Leben lang als Vorrat für Dichtung und Lebensanschauung reichen und als besonnte Erinnerung und großes Glück stets gegenwärtig sein. Er schloß zudem Freundschaften etwa mit Tischbein, Meyer, Hackert u.a., zeichnete emsig (rund 1000 Blätter brachte er nach Hause) und entfaltet eine reiche Korrespondenz. Sie diente ihm Jahrzehnte später als Steinbruch für die »Italienische Reise« (Motto: »Auch ich in Arkadien!»), nach Dichtung und Wahrheit ein weiteres Bruchstück seiner großen Konfession, die mit der Kampagne in Frankreich ihren Abschluß fand. - Vom 13.3.-8.6.1790 unternahm Goethe eine zweite Italienische Reise, doch dieses Mal nicht als Flucht, sondern in ungeliebter Mission: Er holte Anna Amalia aus Venedig ab und mußte in einer Zeit von der Geliebten und dem gerade geborenen Söhnchen August fern sein, in der ihn alle Fasern seines Herzens an daheim banden. Entsprechend übellaunig waren seine Kommentare über Schmutz, Unordnung, Not und Korruption in dem einst so euphorisch begrüßten Land.

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