Die Gazette Nr. 10, Januar 1999:

Interview mit Rosemarie von dem Knesebeck, Knesebeck Verlag

Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Beruf gekommen?
Ich kam über den Journalismus dazu, hatte aber immer schon den Wunsch, mit Büchern zu arbeiten. Ich war einige Jahre als freie Journalistin für deutsche Zeitungen in Hongkong tätig, danach war ich kurz in Deutschland und danach in England. Und als die Zusammenarbeit mit einer großen Tageszeitung endete, machte ich für Rowohlt ein Buch, setzte - zwischen Hongkong und England - drei Kinder in die Welt, und als sie aus dem Allergröbsten raus waren, fing ich an, für Verlage zu arbeiten, zwei Jahre lang, immer noch als Freiberuflerin und schon mit dem Wunsch, selber einen Verlag zu machen. So machte ich zum Beispiel ein Praktikum bei Hanser, wo mir die vorzügliche Felicitas Feilhauer beibrachte, wie ein richtiger Vertrieb funktioniert.

Und danach trauten Sie sich den eigenen Verlag zu.
Ja. In dieser Zeit fand ich dann auch Herrn Schuler, und mit ihm zusammen machte ich dann den Verlag auf, also mit jemandem, der aus der Branche kam und mir den Eindruck vermittelte, er weiß, was er tut. Hier, in diesem Haus, in viel kleineren Räumen zwei Stockwerke tiefer, haben wir angefangen. Mir gefiel das politisch pointierte und aggressive Programm, das er bei Hueber mit Kuby und Zwerenz machte. Zwerenz und Deschner haben wir dann auch in unserem Verlag herausgebracht.
Das war 1987/88. Schuler hatte ein großes Talent, die Presse anzusprechen, hatte gute Kontakte, und so hatten wir einen relativ gelungenen Einstand. Dann zeigte sich aber sehr bald, daß sich die Zeiten und ihr politisches Interesse auch schnell ändern können. Hinzu kamen gewisse Aufassungsunterschiede, so daß Schuler sich von uns trennte und ich den Verlag allein weiterführte.

Hat sich damals das Bild Ihres Verlags gewandelt?
So ist es. Aber das hing natürlich auch mit der neuen Situation von 1989 zusammen: mit der Wiedervereinigung, mit Veränderungen im Markt. Das politische Sachbuch war etwas, das mir vom Studium der Sozialwissenschaften her lag und mich interessierte, auch heute noch interessiert, aber Schwerpunkt des Verlagsprogramms konnte nicht mehr das politische Sachbuch sein. Ich versuchte dann, mich im Bereich Fotografie umzusehen, und sprach Isolde Ohlbaum an, die dann das schöne Buch „Denn alle Lust will Ewigkeit" machte [Umschlagfoto]. Sie hatte es bereits bei Greno herausgebracht, es war dort aber nicht mehr lieferbar. Das haben wir dann völlig umgestaltet und neu herausgebracht.

Damit wurden Sie ja dann auch berühmt.
Ja, es war das erste Buch, mit dem eine wirklich beträchtliche Auflage erreichten, auch mehrere Folgeauflagen und dann noch eine Paperbackausgabe. Insgesamt haben wir das Buch mindestens fünfundzwanzigtausendmal verkauft. Später habe ich auch die Fotografin Herlinde Koelbl angesprochen, die mit ihren thematischen Arbeiten, etwa „Schreiben zu Haus" großes Aufsehen und eine ungeheure Presseresonanz erregt hat, so daß wir schon nach sechs Wochen nachdrucken mußten. Und dann verlegten wir auch noch Klassiker aus dem amerikanischen Markt, etwa Imogen Cunningham, die in Deutschland bis dahin noch nie publiziert worden war. Oder auch Sally Mann mit ihrem Buch „Unmittelbare Familie". Oder die Aktfotografien von Jock Sturges. Oder auch Herb Ritts, dessen Buch uns trotz seines Preises von zweihundertachtundzwanzig Mark aus den Händen gerissen wurde. 

Das bedeutet aber doch nicht, daß Sie ein Bildbandverlag geworden sind.
Nein. Wir verlegen nach wie vor ja auch reine Textbücher, zum Beispiel in unserem Programmbereich Judaica, mit wiederum zwei Titeln im Frühjahr 99. Aber wir haben auch viele Titel im Bereich Kulturgeschichte gemacht. Wenn ich ein Marketing-Label nennen müßte, dann würde ich diese Titel als anspruchsvolle Coffee-table-books bezeichnen. Also keine Bücher, die man mal nebenbei durchblättert, sondern die auch einen anspruchsvollen Text bieten, etwa eine Architekturgeschichte der Synagoge oder die Geschichte der Bahnhöfe. Ein schönes Beispiel ist auch
unser Band „Dichter und ihre Häuser" [Umschlagbild, Ausschnitt]. Mit diesem Buch - oder auch „Musiker und ihre Häuser" vom letzten Herbst [unteres Umschlagbild, Ausschnitt] - sind wir inzwischen recht gut vertreten. Vom Text her noch erheblich anspruchsvoller ist dann natürlich „Paris - Stadt der Dichter", das sich ausführlich mit den französischen Literaten beschäftigt. Oder nehmen Sie „Die Kreuzzüge". Das ist zwar ein Thema, das es längst gibt, aber Terry Jones von Monty Python hat den Text geschrieben.

  Sind diese Titel demnach typisch für Ihren Verlag?
Ja, unsere Nische ist tatsächlich das anspruchsvolle, bebilderte Sachbuch, das sich nicht auf den ausgetretenen Pfaden bewegt. Diese Bücher schätzt das anspruchsvolle Sortiment. Als kleiner Verlag mit sieben Mitarbeitern und ohne einen riesigen Werbeetat sind wir darauf angewiesen, daß unsere Titel einzigartig und spannend sind, denn sonst rezensiert uns niemand. Aber offenbar kommen wir dem Bedürfnis vieler Journalisten, sich am Gegenstand ihrer Rezension auch selbst zu profilieren, mit unseren Büchern entgegen. Wir erreichen den Buchhandel ja nur über die Medien. Wir können nicht, wie es heute oft geschieht, mit einer Million Mark Werbeaufwand einen Titel in den Markt drücken.

Hängt die hohe und entschiedene Ästhetik Ihres Programms mit der Tatsache zusammen, daß die Verlagsleitung weiblich ist?
Das glaube ich nicht. Ich glaube, ich kann das klar mit nein beantworten. Sehen Sie sich nur einmal die Ästhetik des Münchner Verlags Schirmer/Mosel an. Es hängt vielmehr damit zusammen, daß sich unsere Sehgewohnheiten durch die Medien verändert haben. Es zeigt sich seit etwa zehn Jahren immer deutlicher, daß sich Menschen durch visuelle Reize dazu verführen lassen, sich auf einen Text einzulassen. Daher meine Idee der anspruchvollen Coffee-table-books. Ich möchte die Menschen gern mit schönen Umschlägen, einwandfreiem Papier, einladenden Bildern und gutem Layout auch haptisch und sinnlich reizen und sie so dahin bringen, ein ernstes Thema in Angriff zu nehmen.

Noch einmal die Verlagsleiterin gefragt: Herrscht in ihrer Branche eine beruhigte, diskriminationsfreie Gleichberechtigung?
Ich habe nicht den Eindruck, daß man als Frau von Kollegen in irgendeiner Weise anders behandelt wird als Männer. Aber in den großen Verlagen haben Sie natürlich sofort männliche Kollegen. Dort sind vielleicht Qualitäten gefragt, die die Frauen immer noch nicht so ganz gelernt haben, wie Durchsetzungsfähigkeit und geschicktes Taktieren. Da wird es dann sofort dünn. In unserem Verlag hat es eine weibliche Verlagsleitung schon deshalb leichter, weil er ein Eigentümerverlag ist. Und dann erlebe ich es nicht selten, daß mir die Kollegen der großen Verlage sagen, sie würden ja auch gern so schöne Bücher machen wie der kleine Knesebeck Verlag - aber halt der Kommerz!

Seltsamerweise ist der Anteil an Mitarbeiterinnen in verschiedenen Verlagsbereichen sehr hoch, nicht aber auf der Leitungsebene.
Ich kann Ihnen genau sagen, welche Bereiche weiblich besetzt sind. Erstens die Presseabteilung, da finden Sie fast nur Frauen, die serviceorientiert werben und gute Kontakte pflegen. Zweitens Lektorinnen, die sich sehr stark auf Autoren einstellen können; da gibt es wohl auch einige Männer, aber doch erheblich mehr Frauen. Das mögen zum Teil Klischees sein, aber wo Empathie gebraucht wird, sind die Frauen vorn. Im Vertrieb dagegen wird ausgesprochene Härte verlangt, und da sind die Posten sofort wieder von Männern besetzt (Felicitas Feilhauer ist hier eine klare Ausnahme). Dasselbe trifft für die Finanzchefs zu. Also überall, wo das Geld gemacht wird, sitzen Männer.

Werden Sie Ihren Verlag eines Tages verkaufen oder vererben?
Ich habe drei Kinder, die inzwischen alle fast erwachsen sind. Aber nein, ich werde ihn nicht vererben, weil ich nicht glaube, daß ein Verlag dieser Größenordnung ein Ziel ist, mit dem ein junger Mensch eine Zukunft erobern kann. In den nächsten zehn, zwanzig Jahren wird es nicht mehr möglich sein, einen solchen Verlag weiterzuführen. Ohne großes Kapital kann man ihn nicht so ausbauen, daß er überlebensfähig bliebe. Ich kann also nicht absehen, was daraus wird. Und so etwas übergibt man nicht gern einem seiner Kinder, obwohl sie es vielleicht durchaus ganz interessant fänden. Aber die Situation ist augenblicklich bedroht durch veränderte Vertriebsstrukturen, durch Fusionen und Buchhandelsketten, so daß man sich die klare Frage stellen muß: Werden meine Bücher noch in zehn Jahren ihren Platz in den Buchhandlungen finden? In England habe ich Verlage gesehen, die nur noch Bücher für die Lebensmittelkette Sainsbury oder für die Mothercare-Kette machen. Auch das amerikanische Szenario ist nicht besonders ermutiged.

Sie sehen die Zukunft Ihres Verlags also mit sehr gemischten Gefühlen.
Im Augenblick können sich kleine Verlage wie wir noch bewegen, aber eben mit einem enormen Arbeitsaufwand, Selbstausbeutung, kleinen Gehältern und wenigen Mitarbeitern. Ob das in fünf Jahren auch noch geht, ist nicht absehbar. Es wird zwar immer wieder von einzelnen Buchhandlungen gesagt, wir brauchen die kleinen, originellen Verlage; aber sobald Sie es mit den größeren Buchhandelsketten zu tun haben, wird es schwierig. Dort wird in vielen Fällen heute schon nicht mehr mit den - übrigens sehr engagierten - Veragsvertretern über den Einkauf entschieden, sondern unabhängig von deren Besuch in internen Gremien und nur noch anhand der Programmvorschau.
Das ist noch kein Schwanengesang auf den kleinen Verlag und seine schönen Bücher. Aber es bleibt eine schwierige Situation, noch zugespitzt durch das neuerliche Verbot der Teilwertabschreibung, also unserer unverkauften Lagerbestände, und die drohende Aufhebung des gebundenen Ladenpreises.

Kann es sein, daß Sie in zehn Jahren nicht mehr Verlegerin sind?
Ich hoffe es nicht. Ich bin noch immer mit frischer Begeisterug dabei, wir sind eine unheimlich gute, junge und hoch motivierte Crew, und es macht Freude, mit ihnen zu arbeiten. Und ich hoffe, daß das noch sehr lange so bleibt.