Die Gazette Nr. 10, Januar 1999:

Der Autor-Scooter: „A Man in Full"

von Oliver Necker

Entblödet sich da eine namhafte Zeitung nicht, ein carmen abzudrucken ihrer Abteilung Literatur.   Der tropften die Schneidezähne nach dem neuen Tom Wolfe.   Was, auf deutsch gibts den noch nicht?  Gar auf englisch wär sie bereit gewesen, sich ihn zuzumuten, hätt sie ein Gratisexemplar bekommen!  Verlag anrufen, kenn' wir ja alle:  Aber die stellen sich an ... Was, keine Vorabkopie?:  'Für uns?!   Nuhörnsemah -- halt, wissense denn, mit wemse sprechen?  Wir kriegen unser Freiexemplar, aber erst, wenn die Übersetzung fertig und gedruckt ist?   Aber neinneinnein, von einem englischen reden wir!  Nee, so lang solmawatten?'  Hängt ab und knurrt wahrscheinlich  Saubande  vorsichhin wie weiland Karl Valentin ... So etwa verstand ich das, quasi als Erklärung, warum sie über 'A Man in Full', gerade mit einem Tsunami von 1.200.000 Exemplaren über den Markt geschwappt, nichts Habhafteres zu servieren hatte.

Si tacuisset! Denn das Buch, Wälzer von dreivierteltausend Seiten, ist bei knapp $30 Ladenpreis mit  deutschen Büchern verglichen preiswert, und wer, wie ich, bei amazon via internet ('This book ships within 24 hours') bestellt, kriegt's für $17.37, mithin 30 Mark.   So viel müßte das Blatt --es kostet fast das Doppelte der New York Times-- doch erübrigen können, zudem es Büros in USA unterhält, die das gute Stück in die Dienstpost poppen könnten.

Nein;  stellvertretend hat es inzwischen im Blätterwald unschwer zu findende Besprechungen lesen und zitieren lassen, dann in einem Bericht über eine Lesung des Autors verwurschtet, 'Miese Intriganten' überschrieben (im Text heißt das 'miesepetrige Intriganten' und stimmt dort dann auch, aber wer will kleinlich sein?), beginnend mit dem schönen Satz 'Man muß den Schriftsteller Tom Wolfe bewundern, wie er sich lässig übers Mikrophon lehnt und aus seinem neuen Roman "A Man in Full" vorliest, eine Hand in der Tasche seines blütenweißen Zweireihers, auf der Nasenspitze die dazupassende weiß umrandete Brille'.

An Eigenurteil enthält dieses Werk lediglich 'großartiges Entertainment' und 'mindestens so spannend wie "Bonfire"', womit Wolfes  vorhergegangener, 1987 erschienener Roman 'Bonfire of the Vanities' gemeint ist;  und die Feststellung, daß 'Tom Wolfe ... mühelos gelang:  er ist der amerikanische Schriftsteller -- Amerikas einziger Literat mit unumstrittenem Starglanz'.   Letzteres ist fragwürdig, ersteres Platitüde.

So soll dieses in Deutschland entstandene Vakuum hier und jetzt belüftet werden:

Wolfe hat l972 im Essay 'Warum niemand den großen amerikanischen Roman mehr schreibt' verdeutlicht, was er unter diesem Begriff --hier stehende Redensart-- versteht:  dicke, gut beobachtete, flüssig geschriebene Wälzer über die heutige Gesellschaft -- etwa was  Balzac im Düsenzeitalter  schreiben würde.   Fünfzehn Jahre später hat er ein Buch präsentiert, dick, gut beobachtet, flüssig geschrieben, aber eine Welt von Balzac.   Jetzt kommt der ‘Mann', sechs Zentimeter dick, sehr gut beobachtet und süffig, aber nein, mitnichten Balzac.   Obwohl er aus dem chaotisch-boomenden New York der Achtziger in das lediglich unübersichtliche Atlanta zwischen boom and bust der Neunziger umgezogen ist, bleibt nach konzentriertem Verzehr des (Buch-)Schinkens ein Gefühl, von dem ich nicht weiß, was es ist -- nur daß ich es auch bei 'Bonfire' hatte.

Aber der Reihe nach.   Der Schutzumschlag schreit den Namen fast zehnmal so laut wie den Buchtitel;  will bedeuten, dies sei der neue Wolfe, in unserem kommerzwütigen Land nach immerhin fast einem Dutzend Jahren news, ebenso wie die megalomane Erstauflage (und selbst die wird wahrscheinlich bald vergriffen sein).   Denn, Leser mögen mir die Plattheit vergeben, Wolfe greift mitten ins heutige Leben Atlantas, von fern glitzernde und flirrende, jedoch für den, der genauer hinschaut, gar nicht Großstadt -- und sich rassen-, kasten- und klassenblind (oder so meint er wohl) Charaktere heraus, die schon in trouble sind und, was sie auch und wie versuchen, sich immer nur weiter reinreiten.

Atlanta ist eines der Zentren im Süden;  wenn die Stadt viele ihrer alten Werte nicht mehr pflegt, unterschwellig sind sie noch irgendwo.   Der Südstaatler Wolfe hat sie verinnerlicht und personifiziert, bedeutet uns das mit altfränkischen weißen Anzügen, Vatermörderkragen und seinem Moralkodex, in dem Ehre vor allem steht;  dann Loyalität der Familie, dem Land und auch sich selbst gegenüber, in dieser Reihenfolge.

Für dieses Buch hat Wolfe Epiktet und damit den Stoizismus entdeckt, eine Lebensanschauung, die im pragmatischen US-Amerika so gut wie unbekannt ist -- jedoch keineswegs fehl am Platz, und, speziell im so lang die zweite Geige spielenden Süden, vielen eine Menge Pein hätte ersparen können.   Das wird auch der Grund sein, warum Wolfe, der übrigens Atmosphären und Tonfälle Atlantas --Stadt mit den Polen Jimmy Carter und Newt Gingrich-- und des Südens pfeilgerad trifft, dieser Lehre so weiten Raum gibt:  Sie soll bei seiner in die Millionen gehenden Leserschaft Spuren hinterlassen.   Diese erzieherische Absicht steht ihm nicht schlecht;  ihre andere Abart: wenn er mit der Aufdringlichkeit des schlechtbezahlten Fremdenführers am Rockärmel rupft und sagt 'Hier schau, das darfst du dir nicht entgehen lassen' ist so willkommen nicht, zumal es so viel öfter passiert als dem Lesevergnügen nutzt.   Nun haben der Herr sich ja schon mit der Aussage produziert, daß seine Art des Schreibens die beste sei, nicht erstaunlich in einem Land, das fast täglich neu seine besten Schau-, Baseball-, Football- undsoweiter-spieler kürt, von Filmen Booten Wagen Wässern Würsten etcetera gar nicht erst zu reden.   Sein bester Freund, Anwalt Ed Hayes, Modell für Killian, den Verteidiger in Bonfire (dem jenes Buch auch gewidmet ist), erweitert dahin, daß er --in einem primitiven Stück, das I love him ein halbes dutzendmal anbringt-- schreibt 'Tom Wolfe ist wirklich, glaube ich --und glaubt er-- der größte amerikanische Autor des 20. Jahrhunderts'.

Wolfes Sujets sind schon seit langem die unseres Lebens: Kampf um Geld, Macht, Sex, Status.   Wenn er der größte amerikanische Autor dieses Jahrhunderts sein will, muß er sich in die Reihe Dickens, Balzac und Zola stellen.   Er hat jedoch mehrfach gesagt, daß 'geniale Prosa zu zwei Dritteln aus Stoff und einem Drittel aus Talent' bestehe (bezeichnend finde ich hier nicht nur die quantitative, sondern die sequentielle Reihenfolge:  Hat doch Talent Vorrang Stoff gegenüber).   Bei seinen Wunschvorgängern war das leicht andersherum.

Sein Metier ist der Journalismus, seine Stärke ein scharfer Blick, Originalität in der Schreibe, Ehrlichkeit.   Im Wissen, daß es keine absolute Objektivität gibt, rapportiert er in quicklebendigen Farben --ich hatte schon immer den Eindruck, vor allem für Journalistenkollegen-- seine private Seite der Wahrheit, wobei er versucht, so etwas wie eine Fusion zwischen Berichter, Berichtetem und Leser herbeizuführen ... nicht gerade leicht, denn Befangenheit ist da konstante Gefahr.

Hier hat er sich ein zu großes Stück abgebissen.   Das manifestiert sich: Details hat er im Griff und stellt sie oft beneidenswert dar -- aber die vielen Akteure haben, mit einer Ausnahme, ebensowenig Tiefgang wie -- tut mir leid, das sagen zu müssen, denn es ist durchaus ein excellent read, das Buch:  a page turner dazu.   Der Plot ist sicherlich länger als ein minimalistischer Roman, geht mit seinen Agonisten nicht lieb um ... und am Ende fisselt alles weg, wir wissen nicht wie.   Ich hatte den Eindruck, Wolfe hielt es wie Alex Calder, der einmal gefragt wurde, wie er wisse, wann eins seiner Werke vollendet ist, und zur Antwort gab:  'Wenn meine Frau zum Abendessen bimmelt'.   Bei Wolfe hat wahrscheinlich die Papierfabrik angebimmelt, gesagt  Schluß machen, der Zellstoff wird alle , denn solche Modebücher werden ja zumindest, solang sich das hardcover noch losschlagen läßt, nicht gerade auf Holzschliff gedruckt.   [Nachdem unsre Medien weitgehend zu Publizisten für einigermaßene oder eingebildete Zelebritäten (vide die 'Besten', supra) verkommen sind, die hier von fünf Millionen Vorschuß quasseln, dort von zehn munkeln, und wie üblich weiß keiner von nix nix, werden sich noch viele hardcovers absetzen lassen, ach arme Umwelt] [der Repräsentant von kiwi, dem deutschen Verleger des Schmökers, versteigt sich mit kölscher Chuzpe und einer Logik, die hoffentlich nur dem söben dortselbst so hoffnungsvoll knospenden Karnival zu danken ist, zu der im Spiegel nachzulesenden, mithin offiziell scheinenden Äußerung, daß 'der gesamte kränkelnde amerikanische Buchmarkt sich mit diesem Buch sanieren' wolle.   O si tacuisses, you too]   Dann hat Wolfe sich gedacht,  Ist ja auch gut;  warum nicht aufhören, mal bißchen was anderes tun? Meinen Punkt hab ich ja gemacht ... jetzt hört s einfach auf .   Gedacht,  getan.   Dieses aufgedröselte Ende ist, nachdem das Buch irgendwo Comics-Charakter hat, auch folgerichtig:  Comics hören auf, wenn der Platz oder die Zellulose oder Lesers Aufmerksamkeit zu Ende ist.

Denn wer kann schon, und sei's auf 750 Seiten, das zeitgenössische US-Amerika abhandeln und noch Charaktere entwickeln? Zumal das Buch nicht verheimlicht, daß Wolfe so alt ist wie Jelzin, und sich wie der einer Herzoperation hat unterziehen müssen: Nun fehlt das Herz ziemlich, das düsengetriebene des Bonfire auch, es mäandert: Wir mäandern.  Manchmal hatte ich den Eindruck, mich in einem der Jahrmarkt-Autoscooter zu befinden, die mit so viel Lärm, verpuffender kinetischer Energie und blitzender Zähne Lachen aneinandergeschmissen werden, aber uns nirgendwohin bringen:  da ausladen, wo wir eingestiegen sind ... Und je älter wir sind, desto geringer die Aussicht, davon zu profitieren:  etwas für's Leben zu finden oder auch nur für die Nacht, oder etwas zu lernen.  Wolfes manchmal unzähmbarer Humor entschädigt jedoch, seine vielen unschlagbaren Pointen, die Präzision seiner Beobachtung und die noch größere der Karikatur, wenn auch nicht immer der Berichterstattung, so daß wir uns fragen müssen: Ist es nun so, dieses Atlanta, dieses Amerika?   Bei Balzac, bei Zola wäre uns die Frage nicht gekommen.

Der Spiegel will von zwei Büchern wissen, die Wolfe auf seinem Schreibtisch hat, beide lustigerweise four-letter titles:  'Nana' von Zola; 'Fifi' von Maupassant.   Ahh, Maupassant ... wie ich Wolfe verstehe, dessen Hobby, so wiederum der Spiegel, der Schaufensterbummel ist!

Das Gefühl, von dem ich nicht wußte, was es war?   Es läuft in etwa da hinaus:  Balzac, jamais.  Zola, mais non.  Wolfe, vous êtes Wolfe, oui.  Aber das ist schon eine ganze Menge, und wenn dem vom Glück so geschlagenen kölschen kiwi zu glauben ist, wird sich nach dem bisher not leidenden, jedoch jetzt alsbald sanierten amerikanischen Buchmarkt dann ja auch der gesamte deutsche am Wolfeschopf aus dem dortzuland wohl auch weniger tückischen Sumpf ziehen können.   Köbes, bitte zwei wohleingeschenkte Kölsch!  Eins davon ist für den Tünnes da drüben ... obwohl der ohnehin schon Unverständliches lallt, aber vielleicht zieht er ja eine Lektion draus.