Die Gazette Nr. 10, Januar 1999:

Gastkolumne

Abrechnung unter Weltklasseautoren

Ein böses Spiel: Zur Halbzeit steht es zwischen
den Ex-Freunden Paul Theroux und V. S. Naipaul 1:0 .

von Ulrich Greiwe

Schon lange war absehbar, daß das Leben des Schriftstellers Paul Theroux auf einen Skandal hinsteuern würde. Zum Glück, sagen die einen, denn wer schließt die Lücken skandalträchtiger Weltklasseautoren wie Norman Mailer, Graham Greene oder Alberto Moravia? PR-trächtiger Premieren-Zoff gehört heute für jeden mittelmäßigen Autor zum Gewerbe. Aber was passiert, wenn es sich bei dem Urheber um einen der packendsten und erzählerisch versiertesten Autoren womöglich des 21. Jahrhunderts handelt (auch das ist für Kenner seines Oeuvres schon jetzt absehbar)?
Tatbestand: Theroux, 57, hat sich mit einer 375-seitigen Abrechnung an dem neun Jahre älteren Fast-Nobelpreisträger V. S. Naipaul „vergangen". Das deliktöse Werk heißt „Sir Vidia's Shadow" und ist nach einem aufsehenerregenden Vorabdruck im „New Yorker" Anfang Dezember im englischsprachigen Raum erschienen. Theroux wurde in Massachusetts geboren, seine Mutter war Italienerin. Naipaul wuchs in Trinidad auf, lebte in Indien und London. Multukulturelle Großautoren also, das Gewächs der Zukunft. Pikant ist der Crash, weil die beiden seit 1966 befreundet waren, sich damals in Uganda herumtrieben, viele Frauen leidenschaftlich liebten und an Universitäten lehrten, wie es sich für Schriftsteller von Weltrang gehört. Naipaul, deutschen Lesern vor allem dank heftiger Hymnen von Heinrich Böll für den Afrika-Roman „An der Biegung des großen Flusses" ein bißchen vertrauter als Theroux, dessen disparates Werk sich aus Romanen, voluminösen Reiseberichten und spektakulären Kurzromanen zusammensetzt, die aufs Kino hingeschrieben waren wie „Doctor Slaughter", eine schlüpfrige Geschichte von 149 Seiten, die dann auch prompt mit Sigourney Weaver verfilmt wurde. Nadine Gordimer feierte Theroux als „unerhörtes Talent", Graham Greene sah in ihm seinen einzigen stilistischen Nachfolger, und der „Daily Telegraph" stufte „Orlando oder Die Liebe zur Fotografie", seinen neben „London Embassy" besten Roman, als „vollkommen originell, sehr witzig und so enthüllend wie eine Röntgenaufnahme" ein.
Nur in Deutschland fristet Paul Theroux noch eine klägliche Resonanz.
Deutschlands Literaturkritiker hatten sein Bölls Elogen auf Naipaul Zeit, die Bedeutungg dieses Autors (der immerhin seit 1958, seit dem Roman „Der mystische Masseur", weltbekannt ist) zu erkennen. Bei Theroux tun sie sich schwerer. Reich-Ranicki, Karasek und Löffler haben Theroux' immenses schriftstellerisches Potential noch nicht wahrgenommen (vielleicht macht die von Theroux in einer „New York Times"-Chat-Diskussion geäußerte Vorbild-Komposition aus Thomas Manns „Tod in Venedig" und Tschechows Short-story- Genie ja endlich Appetit).
Tip: Mit dem hellhörig gewitzten „Alten Patagonien-Express" beginnen, Louis Bagley und Cees Noteboom vergessen, und per „London Embassy" erleben, was moderne Erzählkunst vermag, wenn sie von einem Mega-Menschenkenner zubereitet wird.
Naipauls Romane sind vor allem bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, Paul Theroux wurde vor einigen Jahren von Hoffmann und Campe herausgegeben, Taschenbuchausgaben teilen sich Fischer und dtv.
Theroux hat sich in seinem halbautobiografischen Werk „Mein geheimes Leben" als etwas „wölfisch und ein wenig skandalös" charakterisiert, weswegen sein schleudernder Globetrotter- und Literaten-Weg (mit dem legendären, aber nicht besser schreibenden Bruce Chatwin bereiste er Patagonien) am ehesten mit dem Graham Greenes verglichen wird. Sein Freimut hatte für weniger Begabte schon immer etwas Verdächtiges.
Der ehrenvolle Neid auf Greene, der ihn allenthalben angespornt hat (nach einer Begegnung in London schrieb Theroux über den Meister: „Er kannte all meine Geheimnisse"), führte schließlich zu einer Kunst des Durchblicks, die jede neue Arbeit von Theroux in der angelsächsischen Welt auf die Titelseiten der Kulturbeilagen katapultiert. Daß Naipaul von demütigender Unberechenbarkeit sein könnte, jedenfalls von einer noch erregenderen als Theroux sie selbst praktiziert, hat dem Italo-Amerikaner wohl schon bei seinem Naipaul- Porträt von 1972 gedämmert (abgedruckt in dem berühmten Naipaul-Sonderheft von „Du" aus dem Jahre 1993). Darin schildert Theroux einen verschrobenen Freund, der seinem Chauffeur frittierte Heuschrecken kauft, als ziemlich brutaler Kritiker bekannt ist, feingliedrig, mit manchmal trauriger Grimasse und orientalisch trüben Augen, sobald er sich erschöpft fühlt. Das Schlußzitat nimmt sich heute wie ein böses Omen für das aus, was seit dem „New Yorker"-Vorabdruck die literarische Welt aufwühlt. Naipaul: „Ich habe keine Feinde, keine Rivalen, keine Meister, ich fürchte niemanden." Das war möglicherweise sogar wahr - bis Theroux mit „Sir Vidia's Shadow" auf den Markt kam. „Vidia" ist der erste Vorname Naipauls.
Was hat Naipaul, abgesehen von den fiesen grimmigen Launen, denen er immer wieder ausgesetzt war, Paul Theroux getan, daß dieser mit einem dermaßen wüsten Buch zurückschlägt? Begonnen hat der Untergang der dreißigjährigen, allenthalben schwierigen Freundschaft, als Naipauls zweite Frau, die mehr als zwanzig Jahre jüngere Pakistani Nadira, kurz nach der Eheschließung Mitte April 1996 den Hausrat des Schriftstellers ausmistete. Dabei geriet auch ein Buch von Theroux mit einer herzlichen Widmung in den Müll.
Doch zum eigentlichen Eklat - verletzte Eitelkeit wirft einen Autor von Rang noch nicht um! - kam es bei einem literarischen Festival im walisischen Hay-on-Wye Anfang Juni 1996. Naipaul rastete aus, als er den ebenfalls geladenen Theroux sah, und behandelte ihn, so Festival-Leiter Peter Florence, wie einen Idioten: voller Verachtung! Mehr als hundert Besucher, die eine geistreiche Konversation zwischen zwei bedeutenden und weitgereisten Schriftsteller erwartet hatten, verlangten nach dem unerquicklichen Schlagabtausch ihr Eintrittsgeld zurück.
Nun also hat Paul Theroux ausgepackt. Die klassisch gelungenen Szenen dieser Freundschaft überwiegen in „Sir Vidia's Show", der Klatsch hält sich in Grenzen (und diente immerhin dazu, die „Süddeutsche Zeitung" und die „Frankfurter Rundschau" auf zwei große Autoren aufmerksam zu machen, die sie sonst wohl vergessen oder mit Beiläufigkeit verfolgt hätten). Theroux über seine heiklen Erinnerungen, die natürlich nicht nur Abrechnung sind, sondern auch brisante Verehrung und glänzende Welterfahrung: „Hier schreibt nicht Tina Turner über ihr Leben mit Ike." Nur Naipaul hält noch die Lunte trocken. Sein literarischer Agent Gillon Aitken in London: „Mr. Naipaul hat nicht die Absicht, sich zu äußern." Noch nicht. Die Sache hat, wie man unschwer ahnen kann, wieder mal verwickelte intime Dimensionen. Theroux erwähnt in seinen Erinnerungen, daß ihm erst spät bewußt geworden sei, daß Naipaul ihm seit 1967 eine Affäre mit seiner ersten Frau Pat nachsagt. Und Theroux, zweimal verheiratet und zwischen Cape Cod und Hawaii daheim, pflegte schon immer viele Beziehungen (da steht er Greene fast nichts nach). In seinem Porträt über Naipaul gab er zudem die Einschätzung einer „skeptischen älteren Dame" über seinen damaligen Freund V. S. Naipaul zum schlechten: „Ein äußerst kurioser Mensch. Er sagt, er hätte den Sex aufgegeben."