Die Gazette Nr. 10, Januar 1999:

Florilegium

I
Fast seit drei Jahrzehnten bedient der Welt grösster Burgerbrater --welcher seinen Slogan xx billion served schon vor Jahrzehnten aufgeben musste, weil niemand so hoch denken konnte, dass die Zahl noch etwas bedeutet hätte-- einen Teil des deutschen Hungers nach Amerikanischem.   Nach der Vereinigung wurden naturgemäss auch die ehemals sowjetisch gehaltenen Gelände der Segnungen dieser warmenweichen Brötchen-cum-Brathack teilhaftig, die, wie wir inzwischen wissen, einmal in Moskau trotz skandalöser Preise unmässigen Zuspruch fanden (über die derzeitige Lage ist hierorten nichts bekannt)      2  Nicht so in dem idyllischen Städtchen Suhl, dessen Ruhm bisher offenbar mehrheitlich auf einer Fussballmannschaft fusste ('Auch die Fans von Liverpool haben Angst vor Motor Suhl' -- aus Liverpool liegen hiezu keine Erkenntnisse vor);  dort haben jetzt trotz relativ zivilerer Preise (als in Moskau) die ob ihrer Thüringer berühmten Thüringer mit Füssen abgestimmt.   Diese setzten sie nämlich so wenig in (ich war versucht, ihre zu schreiben, aber das würden die Suhler nicht anerkennen;  mithin:) die dortige McDonaldsfiliale, dass die Konzernleitung nicht genug kriegte:  den Laden dichtmachte      3  McDonalds betreibt knapp tausend 'Restaurants' in Deutschland;  weniger als zehn davon sollen je geschlossen worden sein -- und das, weil Mietverträge aus-, nicht Esser wegliefen      4  ln der 'Burger University' drückt Verwirrung und Betroffenheit fast wie in Washington und die Frage, sind die deutschen Bürger, die mit vollem Recht schon keine atomaren Erst-, aber auch keine Zweit-, Dritt- oder Letztschläge, jetzt dabei, auch keine Burger mehr zu wollen, und die Suhler lediglich das Menetekel -- schliesslich haben sie ja schon die Liverpudlians geschafft, geradezu eine Grossmacht:  denken wir an die Beatles! oder den immer noch jungen und charismatischen Dirigenten Rattle, um den sich Orchester von Welt nur so reissen
5  Oder ist das eine Manifestation der  ötlichen Be- und Empfindlichkeit, die sich vielleicht an weniger geduckten Örtlichkeiten mit Feuer, Rauch und Russ, oder mit Springerstiefeltritten, Baseballgeprügel und Heilgebrüll geäussert hätte?     6  Keine Angst.   Die Thüringer Bürger haben sich lediglich für ihre angestammten und durchaus schmackhaften Fleischprodukte (wenn s schon ausländisch sein muss, können sie allemal auf Döner zurückfallen) und gegen die pappigen Burger entschieden.    Ami  sieht's, packt ein, goes home ... und macht so Geschichte, grosse und auch diese kleine

II
Bei uns heisst er Veterans Day, in Kanada Armistice Day, Tag des Waffenstillstands.   Gestern abend hat mir im quasi Vorbeigehen einer der weniger durchfallgeplagten Radiosender mitgeteilt, das einschlägige Dokument sei am 11.11. um 11.11h unterfertigt worden.   lch musste schmunzeln.   Ohne dem Bedürfnis nachzugeben, Recherchen anzustellen, nehme ich das für ein Gerücht, denn da hat ganz offensichtlich jemand zwei fast gleich epochale Anlässe miteinander verwechselt:  das Ende des ersten Weltkriegs und den Beginn der fünften, der Jeckenjahreszeit     2  Achtzig Jahre ist es her, dass dieser erste industrielle Krieg und deshalb 'war to end all wars' (schön wär's gewesen, aber immerhin:  selbst der sogenannte Zweite war so intensiv material- und menschenvernichtend nicht), 70 Millionen Menschen hat er in Uniform gezwungen, endete;  ein Paar der damaligen Soldaten leben noch, gradsoeben.   Sie sind um die Hundert und haben die Ueberzeugung gemeinsam, froh zu sein, dass es zwischen den sich zivilisiert nennenden Völkern keine Kriege mehr gibt -- aber was auch sonst sollen sie den frechen Reportern des Fernsehens auf diese Frage antworten?  Ernst Jünger meinte immerhin  Wir haben noch einen Glanz gekannt, der diesen Jungen nicht mehr beschieden ist , na ja      3  lm Alter lässt unter anderem die Spannkraft nach.   So hier, denn die sich zivilisiert schimpfenden Völker, denen diese Uralten angehören, unterscheiden sie sich so sehr von jenen, die nicht die von General Patton oft bemühte Audace haben, die Dreistigkeit, sich solche Disteln auf den Hut zu stecken?       4  Beweise dafür?  Auf jedem Kontinent.    Wollen wir die Russen (diesmal wg Afghanistan) unzivilisiert nennen -- wie die Braunen das vor 60 Jahren getan haben?  Die Franzosen oder uns Amerikaner, wie die Vietnamesen allen Grund hatten festzustellen?  Die Engländer, die sich mit Argentinien eine Operette nach dem Schnittmuster von Gilbert and Sullivan lieferten?  Die Römer, Carthager?      5  Wir sollten nie der Realität dessen sicher sein, was uns gezeigt wird, es sei denn, wir können es wieder und wieder sehen, so, wie in der Naturwissenschaft jedes Experiment beliebig wiederholt werden kann und immer das gleiche Ergebnis zeitigt.   Deshalb hat Pascal gesagt, der Mensch sei nur  ein Stück Schilf, das schwächste, was die Natur hervorgebracht hat, aber eben:  ein denkendes Schilf , und Waggerl rhapsodiert, schon im kitschigen Völkischen (und das ist nota bene aus einer Erzählung, nicht aus einem Gedicht):   Beseelte Geschöpfe, zart und doch voll von Kraft, prunkend im Sommer mit den wehenden Fahnen ihrer Ähren und Rispen, verklärt noch im härtesten Frost

III
Unterschied zwischen Tischtennis spielen und nicht in die Sauna gehen?   Dumme Frage, aber immerhin erinnert das Letztere an Ersteres.   Weil beide so sträflich  überstrapaziert wurden.   Sauna heute, in Deutschland:  da fliegt Schröder nach Moskau, weil er die Buddy-Politik mit Russland so nicht weitermachen will;  Tischtennis hingegen liegt eine Zeit zurück.   Manche, die heute lesen und gar schon im lnternet surfen können, waren noch nicht geboren      2  Damals ging es um die ersten und verstohlenen Andeutungen, dass China sich dem verteufelten Westen nähern und vielleicht in absehbarer Zukunft ihm öffnen könnte, wenn nur einen Spalt.   Auf solchem Ohr hört der Westen hell, insonderheit wenn weit über eine Milliarde potentieller Konsumenten winken (dass von diesem Yeti-haften, weil ebenso gargantualisch wie sagenhaft, Markt bis dato noch niemand was gesehen hat, tut der myopischen Euphorie unserer Wirtschaftsmagnaten kaum Abbruch)      3  Was Dior und Fath nach dem letzten (Welt-) Krieg gelang, nämlich die Röcke zu verlängern, Britannien hat es schon im schönen und offensichtlich gar nicht verschämten XIX. Jahrhundert versucht, als  es die Chinesen dazu bringen wollte, ihre Gewänder nur einen Zoll zu verlängern, um so seiner notleidenden Textilindustrie aus dem Loch zu helfen;  Münchhausen hätt s zweifellos geschafft --sagt er--, aber realiter hat sich damals wie heute am chinesischen Zopf niemand und nichts aus dem Sumpf gezogen.   China ist immer noch ländlich ... und arm:   Einkommen gradmal 600 Mark pro Kopf und Jahr       4  Und doch ist Unterschied:  Sauna steht für Ende, Pingpong für Anfang eines Stücks Geschichte, womit wir schon wieder bei Anfang und Ende wären.   Hoffen wir, dass, wenn alles zusammengezählt ist, von der (nicht-)Sauna gesagt werden kann, sie habe uns weitergebracht, wie weiland Pingpong ... ach ja, da waren auch Walks in the woods -- gar im Wiener Wald, Anlass für ein bald wieder abgesetztes Musical;  wer nur weiss heut noch, was sich dahinter versteckt?

lV
ln Baden-Baden nicht zur Kur, hatte ich mir nichtsdestotrotz vorgenommen, die Annehmlichkeiten der Stadt und ihrer Umgebung zu kennen und nutzen.   Dabei fielen ecru gestrichene (sehen aus wie umfunktionierte Zigaretten-) Automaten auf, die für einen Obolus von 30 Pfennig etwas dispensieren, dessen Sinn, nebulösen Piktogrammen zufolge, sein könnte, die Hinterlassenschaft der bürgerlichen Haustiere aus dem öffentlichen Raum zu nehmen      2  Während meines Deutschlandaufenthalts hatte ich keine Haustiere, deshalb keinen Anlass, nachzuschauen, aus was dieses Gedeck besteht, das da (offensichtlich von der Stadt) verkauft wird -- auch war nie zu sehen, wie sich jemand eines dieser Automaten bedient hätte.   Somit bin ich nie in den, sozusagen, Genuss gekommen, firsthand zu sehen, wie der (hoffentlich!) Hundesteuerzahlende sich dessen entledigt, was sein Tier vorher erledigt hatte      3  Baden-Baden ist eine Stadt mit vielen alten Leuten, deren wiederum Viele Hunde halten;  weil diese Senioren anders als die im Tennis nicht viel laufen wollen oder können, naja, Sie wissen schon ... all überall im Gras links und rechts der gefällig angelegten Wege ist somit akut-absolute Gefahrenzone.   Wer die traversiert, beispielsweis um zu seinem Auto zu gelangen, hat die Chance, sich vielleicht bald wundern zu müssen, was dem Gefährt widerfahren ist;  dabei ist es garnicht das Vehikel, sondern ein wenigstens talergrosses, unmöglich zu entfernendes Gewächs an der Unterhälfte eines seiner Schuhe (auch beidschuhiges Malheur oder muss ich -odeur sagen? soll nicht unerhört sein)      4  Normaliter fahre ich nicht, wenn ich zu Fuss dorthin komme, wo ich zu tun habe.   ln Baden-Baden liegt alles schön im Radius einer halben Stunde -- wer nicht gut zu Fuss ist, dem hat die Stadt eine Vielzahl fast körpergerecht gezimmerter und gepflegter Bänke gestellt, auf dass er der Ruhe pflegen könne vor dem vielleicht anstrengenden Weitermarsch.   Oft wird da das olfaktorische System des müden Pilgrims noch eher mit dem Problem konfrontiert als das der leichtfertig ins Gras gehenden:  unsre lieben animalischen Lebensgefährten tendieren --aus Müdigkeit?  Faulheit?  falsch verstandener Anhänglichkeit?-- dazu, nicht weit von dem Ort, lateinisch Locus, an dem ihre Herrschaft ruht, das zu legen, was die Berliner in ihrem schmerzend-treffenden Humor Tretminen nennen.   (ln einer berliner Zeitung las ich gerade 'Wer redet davon, wie witzig es sein kann, über gefrorene Hundehaufen zu stolpern?   Witzig)       5  Gefahr droht jedoch nicht nur in der freieren Natur.   Auch Fussgängerzonen sind mitnichten minenfrei;  der windowshoppende Zeitgenosse, so er nicht sorgfältig drauf achtet, wohin er Füsse setzt, wird auf Dauer nolens volens kriegen, was der Computerfex Cookies nennt (wobei letztere den Vorteil haben, dass sie ebenso geruchlos sind wie die Zeitungen, in denen wir online lesen, gnädig von Druckerschwärze frei), weshalb auch der freieste der freien Bürger selbst bei hervorragender Laune nur niedergeschlagenen Blicks durch die Stadt wandelt      6  Bei solchen Gelegenheiten --der schiere Gedanke ist Brechreiz-- habe ich mich nach den Zuständen zu Hause gesehnt:  in New York muss niemand Hundescheisse zertreten;  selbst Grasflächen quere ich völlig angstfrei.   Das ist schon lang so und hat nichts mit Giuliani, dem protofaschistischen Bürgermeister, zu tun;  eher mit Cops, die unbarmherzig Strafzettel puschen, hundert Dollar Minimum.   Zugegeben, die städtische 'Hundedichte' ist niedrig, wie die der Autobesitzer.   ln New York 'fallen weniger als 20 Hunde auf den Kopf' des Bevölkerungstausends, in London sollen es, nicht dass ich das je gemerkt hätte, gar über 100 sein, Berlin um die 40.  Für Baden-Baden ist die Zahl nicht verfügbar, wie für Paris, aber durch die Stadt des Lichts, die sich obendrein den fast unermesslichen Luxus leistet, Strassengräben mit fliessendem Wasser zu spülen, flitzen hundert Motorroller, die Kot absaugen, bevor dem Bürger das Kotzen kommt -- was auch den Flic freut, der sonst die gesetzlich vorgesehenen Bussgelder (non olet!) kassieren müsste, und das stänke ihm ... auch hier unterscheidet sich Alte Welt von der Neuen

V
Apropos neu:  Neue Regierungen glauben erhöhten Erklärungs- oder Erläuterungsbedarf zu haben, wenngleich hernach ersteres so wenig klar wie letzteres lauter zu sein pflegt.   Bei der rot-grünen Vernunftehe, vom Souverän wohl weniger gewünscht als hingenommen, schon weil noch niemand wissen kann, wer Pat ist und wer Patachon oder Plisch oder Plum --wissen wir ja inzwischen nicht mehr, ist Joschka nun Dressman, puscht er Kommerzielles oder hält er das Aussenamt;  auf jeden Fall hat er keinen, schade, Anspruch auf die Vorsilbe  Schnauze  mehr, und wohl auch nicht gar viel auf Glaubwürdigkeit--, stellt sich immer wieder einer hin und erläutert.   So regierungserklä rt Schr der stundenlang       2  Deshalb wissen wir jetzt präzis, ob diese Regierung etwas tun wird oder nicht, was grossen Fortschritt darstellt gegenüber der letzten, die das nicht gesagt (und wenig getan hat, um das Land aus seiner von der Giftschlange Globalisierung ausgelösten vorauseilenden Leichenstarre zu reissen.   Wenn es jetzt der Schlange einfiele, auch noch zuzubeissen?: !)     3  Schröder ist nicht der einzige, der redet.   Und nachdem wir alle sagen, was wir vorher gehört haben, gehen alle, alle irgendwann, manche gar ganz oft, von irgendetwas aus;  das ist ziemlich neu, ebenso wie Telefongespräche sich heutzutag komplett in  ok ,  kein Problem  und  alles klar  kleiden lassen.   Aber ich schweife ab.   Warum sagt kein Mensch mehr wie früher, was ist, in unserem Beispiel mithin  ich nehme an ?  lst wohl zu kurz, aber trotzdem so recht nicht einzusehen.  Die Leute gehen ( man geht, in dieser verkniffenen, verlogenen und feigen Art, von sich selbst zu reden) so unausgesetzt davon aus, dass sie --stellich mir so vor wie den guten Axelspringer, der bekanntlich lesenliess;  ist ein Weilchen her-- gar 'davon ausgehen lassen', oder  es kann davon ausgegangen werden  (beispielsweise, dass wg Y2K am 1.1.00 um 0:00:01 Uhr Strom, Wasser, Bier und  TV, Telefon, Benzin, Radio und Lebensmittel, in dieser Reihenfolge der Wichtigkeit ... und die Geduld mit diesem hanebüchenen Unsinn ausgehen), und vor der in diesem Fall noch schwächeren schwachen Form nicht hochscheuen, es auch in das steril-hässliche 'es ist davon auszugehen' giessen;  es scheint kein Ende des Ausgehens zu geben (mittlerweile wütet diese Pappmaschee-Floskel wie Mitch in Mittelamerika, die Medien ver ben ihre übliche gerüttelte Schuld -- selbst in Strassengesprächsfetzen habe ich davon ausgehen hören)     4  Dafür aber gehen sie, m.D.u.H., in Bonn|Berlin|Brüssel --Strassburg zählt ohnehin nicht--, so gut wie nie auf etwas ein, das die Bürger beschäftigt, denn es heisst partout auf Nummer Sicher gehen, Herrschaftswissen für sich zu behalten      5  Und im Zeichen der Machtübernahme derer, die Opposition waren, sind wiedermal die dran, welche fast von Berufs wegen überprüfen;  als ob's mit prüfen nicht getan wäre, denn um den Gegensatz zu unterprüfen geht es ja einwandfrei nicht -- wahrscheinlich meinen sie, wer überprüft, ist sozusagen der Ober-, Haupt- oder gar Generalprüfer.   Nicht viel anders die mit fast wie zum Deutschen Gruss sel. ausgestrecktem Arm, welche darauf hinweisen nachahmenswert finden, oder verweisen (früher flog jeder mit drei solchen von der Schule), dann allerdings häufig auch irgendwas zurück- (mit all den schönen Nuancen rigoros, kategorisch, empört undsofort) und|oder dito abweisen;  an weisen sie ja sowieso -- was uns zu Préverts Gedicht 'der rechte Weg' bringt:  An jedem Kilometerstein, Jahr für Jahr, weisendie dümmsten Greise der Erde die Kinder ins Leben ein mit versteinerter Gebärde      6  Dann gibt's allemal die Populisten, wo 'sag ich mal' posaunen oder, schlimmer, weil's so garnicht davon zeugt, 'denkichmal';  da kotzichmal      7  Tu ich auch über die Äusserungen eines gewissen 'Genies der deutschen Sprache' (Deutsche Welle) namens Walser, das sich bevorliebt in der schöndeutschen Lieblingspose des zeigend und|oder belehrend erhobenen Zeigefingers abbildet und innert eines (gekürzten!) lnterviews gleich zweimal sein wonneschauriges Pony 'tätermässig' zu paradieren richtig fand:  saumässig -- und so mich an meinen ehemaligen Fahrer erinnerte, der bei der Schilderung eines Unfalls von einem uns bekannten Beteiligten 'lebensmässig ist ihm nichts passiert'  äusserte und nie erfuhr, warum wir so grienten.   Der aber war Fahrer, nicht deutscher Friedenspreisgrossdichter;  hat das Wort benutzt, weil ein ex-Volksschülerleben kein besseres hat;  es auch nur einmal verwendet.   Dabei kann die deutsche Sprache --listen up, Walser!--, siehe oben, so schöpferisch sein, flexibel, alert ... und schön.    Was Walser da letztlich von sich gab, war sprachlich und auch sonst nicht schön

Vll
Thanksgiving ist das amerikanische Fest, das Familien zusammenbringt;  Weihnachten ist zwar der Rummel grösser, aber da konkurriert Kwansa --sein afrikamerikanisches Gegenstück-- und Hanukka --sein jüdisches--, und die fördern Family values, ja die Familie generell, nicht im gleichen Mass wie T:  zumal nach den vielen vorangegangenen Weihnachtsparties das Geschenkauspacken oft zur derben Enttäuschung und vergleichsweise freudlos wird      2  Auch ist zu T mehr Zeit;  liegt es doch immer auf einem Donnerstag, sodass daraus ein vier-Tage-Wochenend --im zeitknausrigen Amerika fast ein perfekter Urlaub-- wird, das einmal im Jahr die zum Teil  ber den ganzen Globus gestreuten Familien leichter zusammenkommen lässt:  fast 20 Millionen Amerikaner fliegen, weitere 30 Millionen fahren 'nach Hause', Truthahn essen, diesen bildhässlichen Vogel Roch, welchen der Propaganda nach milde Pilgerväter in Plymouth Rock mit milden Indianern geteilt haben sollen (niemals!  die Mütter und Väter waren dem Vernehmen nach zwar sehr fromm, aber vom Teilen hielten sie nicht gerade viel:  au contraire, wie mehrhundertjährige Geschichte belegt), der, sähe er nicht so inelegant aus --jedoch ist darüber bei entsprechender Interessenlage bekanntlich schnell hinweggesehen-- und hätte er etwas mehr Intelligenz --auch das recht eigentlich damals wie heute kein Handikap--, ob seiner Einmaligkeit in Amerika alle Chancen hatte, Wappentier der Vereinigten Staaten zu werden.   Mit diesem Posten ist dann, nicht sehr originell, wie in so vielen Ländern der Adler befasst worden, immerhin in einer ebenfalls nur in Amerika vorkommenden Art haliaeetus leucocephalus, vulgo Bald eagle: der Kahle Adler  -- ziemlich grundlos, denn im Gegensatz zum schulteraufwaerts nackten Truthahn oder dem fast dito Geier sind selbst in Gefangenschaft lebende Exemplare nirgendwo ausser an den Füssen, Fängen heisst das wohl fachmännisch? unbehaart.   Ob dieser vielleicht nicht völlig Unterlassungssünde haben wir zu T in diesem Jahr fast 50 Millionen Truthahnleben beendet.    Selbst Vegetarier scheinen so auf die Truthahnshow angewiesen zu sein, dass sie aus Tofu gutgemachte und leicht tranchierbare Nachbildungen servieren.   Grabbe hat im  Gothland  gesagt,  der Mensch trägt Adler in dem Haupte und steckt mit seinen Füssen in dem Kote       3  Vielleicht deshalb lieben Amerikaner Paraden so und veranstalten sie mit viel Liebe, Geld- und Zeitaufwand, tschingdrassabum und sonstigem Lärm, zu passenden und unpassenden Anlässen.   Dieses Mal ging es mit dem Teufel zu:  zum ersten Mal seit Menschengedenken ist die New Yorker T-Parade so gut wie völlig ins Wasser geplatscht.   Obwohl es Wochen vorher, und auch danach gleich wieder, nur eitel Sonnenschein gab, just zur Parade strömender Regen      4  lm Vorjahr hat besagter Teufel --zwar ist Chicago, nicht erst seit Walt Whitman, unter 'Windy City' bekannt, aber auch in New York stürmt sich s gut-- so grundlos wie schnellentschlossen in Form eines der schnellbootgrossen heliumgefüllten Comicfiguren-Fesselballons eine Frau angefallen, die bis dahin --sagt sie-- nichtsbösesahnend der Parade genoss, was --wir sind in New York!-- ihr dann Anlass wurde, mit einer Millionenforderung zum Kadi zu wallen, die sie (respektive die einschlägige Sorte Anwälte, vom Volksmund Ambulance chaser genannt, 'die hinter Krankenwagen herrennen'), wohl auch durch sämtliche lnstanzen bringen und wahrscheinlich kassieren wird      5  Am Schluss des New Yorker (anderswo wird auch paradiert;  der Fernseher kann vom einen zum anderen zappen) Defilees, vor dem hohoho'nd das Schlusslicht bildenden und wie üblich mehr als wohlgen hrten Weihnachtsmann auftraten sonst immer die --möglicherweise nicht nur dem männlichen Auge  beraus gefälligen-- 'Raketten' (meine einmalige Eindeutschung von Rockettes), der zur Radio City Music Hall gehörenden, mit grosser Präzision exerzierenden und selbstverständlich knappgeschürzten (Damen-) Tanztruppe, welche diesmal des beelzebübischen Regens wegen bereits zu Anfang der Parade erschienen      6  Jedem, der sie verpasst hat, kann ich guten Gewissens anvertrauen, dass er nichts versäumt hat;  die Damen sehen derzeit durchdiebank aus, und das stört ungemein, als ob sie mit einer hochnotpeinlichen und schon lang anhaltenden form von Anorexia nervosa zu kämpfen hätten.   Die so wohlgeformten Beine der Balletteuse, an denen sich --ich rede aus naheliegendem Grund nicht gern von den Griechen und Römern-- schon vor dem Marquis de Sade Generationen von Männern (und sicher auch die gelegentliche Frau) zumindest visuell ergötzt haben, sind verschwunden;  hier gab's nur Spinnenbeine.   Der Neodadaist Yves Klein wenn sie für seine blauen Anthropometries hergenommen hätte, Strichmännlein, nein, Pardon: -weiblein wären das Resultat gewesen.   Auch die Gesichter, kantig geschnitten und hart wie von einem frühen Comic-Zeichner, erinnerten --vor allem wohl wegen ihrer auf dunkel und gross geschminkten angstvollen, aber oft auch -einflössenden Augen-- trotz der gefriergetrockneten Lächeln (die keine sind), mehr an fressgierige Arachnoiden als an eine gefällige Spätform des Anthropus ... alles andere als Anlass zum Dank feiern, denn wieviel Weiblichkeit von welcher Sorte wird in diesen leeren Häuten stecken?      7  Ein befreundeter Mediziner, befragt, wie hochtrainierte, deshalb muskelbedürftige K rper neuerdings so bar aller Rundungen sein können, spricht von Hungerkuren und nicht ein Gramm Fett im Leib, wohl ein wenig übertrieben:  einen Punkt will er halt machen.   Also ein Streichholz an diese dürren Raketten, ab Richtung Mond! oder vielleicht sollten wir das so drastisch nicht angehen;  alternativ alsdann zu Hänsel und Gretel in die Grette ... jedoch keine falschen Hoffnungen, Männer (und Dame)!  Bis zum Weihnachtsfest werden sie keinesfalls zu rekonstituieren sein, dazu ist die Magersucht zu fortgeschritten;  zum letzten Weihnachten vor Y2K besteht jedoch berechtigte Hoffnung      8  Da dachte ich Tor immer, Mode sei was zum Anziehen oder wie Bruno Sacco Autos schnitzt oder was einfallsarme und geschmackfreie postmoderne Architekten halbrund unsern Landschaften antun -- aber nachdem Mode die Damen zu Hungertürmen gemacht hat, kann sie sie ja auch Vernunft an- und wieder zunehmen lassen.     9  lm Gegenzug versprechen wir, ebenfalls vernünftig zu sein und keine Völlerei à la Rubens oder gar, o Graus, Botero! zu erwarten, halten wir ja auch die uns hoffentlich bald in den Weihnachtsbräter flatternde Gans nicht für einen dummen Vogel, nur weil sie Bismarck zum Frühstueck zu viel (wahrscheinlich weil selbst er, war er in Berlin --kam schon mal vor--, Skrupel hatte, zu dieser Tageszeit mit den bei ihm üblichen zwei Bouteillen Rotspons nachzuspülen, obgleich er seinen Ministern nahelegte, vor Kabinettssitzungen Sekt zu sich zu nehmen, das spare viel Zeit und schaffe eine angenehmere Arbeitsatmosphäre:  der Mann wusste ebenfalls, von was er sprach!) und zum Mittagessen zu wenig fand.   Fresser werden eben erzogen, nicht geboren

Oliver Necker