Die
Gazette Nr. 10, Januar 1999:
In der Nymphenburger Straße zu München, halbwegs zwischen
dem Sitz der CSU-Leitung und dem Hauptquartier des VIAG-Bayernwerk-Konzerns,
liegt das sehr gut geführte Ristorante Diabelli; es ist nur logisch,
daß es in solcher Lage zum idealen Treffpunkt für leitende Persönlichkeiten
und Leistungsträger wurde, und so entstand im Laufe der letzten Jahre
ganz zwanglos im Hinterzimmer der Diabelli-Club, der sich nicht nur um
den guten Barolo ‘87 des Hauses, sondern auch um gemeinsame Interessen
und Ideale scharte.
An diesem Montag des scheidenden Jahres allerdings war die Stimmung
nicht eben heiter. Nur zwei der alten Kampfgefährten waren bisher
eingetroffen, und unter der kapriziösen Weihnachts- und Silvesterdekoration
umwaberte sie eine gewisse bleiche Düsternis: Guntsch, den PR-Wachhund
der VIAG, und Professor Schraderer, den getreuen wissenschaftlichen Ekkehart
der Kernindustrie.
„Gefeuert", sprach Schraderer leise und düster. Er sah aus wie
ein runder, weicher und doch entschlossener Theologe, der seine unfehlbare
Kirche gegen alle Evidenz ihrer Kriminalgeschichte verteidigt (und genau
das tut er schließlich). Heute jedoch lagerten bläuliche Schatten
um seine mächtigen Kiefer. „Gefeuer wie ein grüner Azubi."
„Doch wohl eher fürs Gegenteil, wenn wir das Adjektiv wörtlich-politisch
nehmen", grinste Guntsch um seine Zigarre herum. Schraderer hatte der AKW-Kommission
des Umwelt-Ministeriums angehört, die der neue verrückte 68er
eben aufgelöst hatte, nicht ohne die Ankündigung seines Willens,
sie künftig paritätisch auch mit Kernkraftgegnern zu besetzen.
Guntsch hatte, wie sich das gehörte, wütend in die Medienlandschaft
gebellt, hatte von „willigen Lakaien der Fortschrittsfeinde" gesprochen,
aber im Grunde glaubte er nicht daran, daß der neue Verrückte
damit durchkam. Gerd, der schließlich auch Zigarrenraucher war, und
sein Wirtschafts-Müller würden da noch einige Machtwörtlein
von sich geben.
„Gefeuert", wiederholte Schraderer hartnäckig. Er räkelte
sich im Schlammbad des Unrechts, das ihm widerfahren war. „Wir stehen vor
einem Abgrund."
„Das erste Mal, wo Sie vor einem Abgrund standen, Schraderer", so Guntsch,
„war bei der Geschichte mit Harrisburg - die Beinahe-Durchschmelze, Sie
erinnern sich? Vormittags redeten Sie von dem Abgrund, vor dem man stehe
- nachmittags wurde er schon kleiner, und am Abend war er ganz und gar
weg. Bei solchen Strategien sind Sie die Zuverlässigkeit selber, mon
vieux."
Tief seufzte da der Professor. „Herr Guntsch, nicht Harrisburg, bitte.
Harrisburg war schlimmer als Tschernobyl, ganz unter uns. Nach Harrisburg
mußten wir unsere ganze Apologetik umstellen - von absoluter Sicherheit,
Redundanzfaktor Zehn, auf die gute alte Masche von Versuch und Irrtum.
Auf reines 19. Jahrhundert. Was angesichts des Risiko-Umfangs doch ein
ganz kleines bißchen unzureichend erscheint ..."
„Was ist schlecht am 19. Jahrhundert?" knurrte Guntsch. „Wir habens
doch gerichtet, oder? Wir habens doch hingekriegt."
„In der öffentlichen Meinung nicht mehr. Nicht mehr wirklich."
Schraderer hob seine runde glänzende Stirn, denn Zieglgänsberger
war eben eingetreten und setzte sich mit launigem Gruß in die Runde.
Regierungsdirektor Zieglgänsberger, der Büchsenspanner des Parteivorstands
im Innenministerium des Freistaats, war immer launig, was ihm als Golfspieler,
Einserjuristen und Mitglied des „Freundeskreises von Kloster Andechs" auch
zustand. Mir schien, als lichte sich die Stimmung mit dieser Ankunft erheblich
- aber vielleicht bin ich etwas parteiisch, was Zieglgänsberger und
seine Großzügigkeit betrifft.
„Darf ich raten, was euch die Petersil verhagelt hat?" fragte er, und:
„Einen Punt-e-Mes, se vi piace. - Die G'schicht' mit der Kommission,
was? Sei doch froh, Schraderer, das bringt dich ganz schön runter,
mindestens zwei Steuerklassen."
„Vielleicht verstehst du nicht ganz, Ambros." Schraderer, in sich und
seine Kränkung verschanzt, sah theologischer aus denn je. „Vielleicht
ist dir der grundsätzliche Aspekt der Katastrophe nicht zugänglich.
Wenn erst einmal die Lichter verlöschen ..."
„O mei", kicherte Zieglgänsberger und nippte genießerisch
am Aperitif. „O mei, Hans. Mein Großvater, der Pummererbauer von
Längholz, hat eine einzige elektrische Glühbirne auf dem Hof
g'habt, bei zirka acht Fassungen, die von der Holzdecke gehängt sind.
Die Birne hat er von einer zur anderen mitgeschleift - reingeschraubt,
wieder rausgeschraubt, damit's ja nicht zu teuer wird, die Stromrechnung.
Wenn alle so blieben wären wie mein Großvater, die Megawatt
gingeten uns schon net aus. Und was dein persönliches Problem anbetrifft:
das wär doch lachhaft, wenn wir dich net in die neue Kommission hineinbrächten.
Die Genossen in Nordrhein-Westfalen, die hocken doch überall in den
Aufsichtsräten von der RWE herum, und die san doch absolut atomgeil,
die brauchen dich."
„Außerdem richtet das der Gerd und der Müller, sag ich."
Guntsch mußte seinen Senf dazugeben, er mochte Zieglgänsberger
nicht besonders, weil er ihm zu ähnlich war.
Schraderer schüttelte langam das Haupt, ein gütiger, aber
unerbittlicher Dogmatiker. „Es geht um die Einfluß- und Entscheidungsebenen,
Freunde. Plötzlich wird Fortschrittsfeindschaft al pari gehandelt,
soll die ökonomische Reaktion Sitz und Stimme unter den Mächtigen
erhalten. Die Regierung hat gewechselt, sicher. Aber was sind schon Regierungen?
Schichtwechsel des Schuhputzpersonals, mehr ist das nicht. Auf die Experten-Ebene
kommt es an, Freunde. Da findet die eigentliche Revolution statt."
„Revolte, würde ich sagen bei dem 68er-Spinner." So Guntsch an
der Zigarre entlang. „Revolution, das haben wir gar nicht im Kreuz."
Der zweite Schluck Zieglgänsbergers am Punt-e-Mes war lang und
gründlich, er setzte das Glas ab und lachte aus vollem Hals. Guntsch
wie Schraderer blickten ihn entgeistert, aber irgendwie ermutigt an.
„Ist doch das Beste, was euch seit Harrisburg passiert ist!" Das kam
zwischen zwei genußreichen Glucksern. „Das Beste für die Heilige
Sache der Kernkraft. Paß auf, Hans! Vorhin hast du was g'sagt von
öffentlicher Meinung, hab ich da recht gehört, hab ich doch richtig
gespeichert, oder? Seit Harrisburg nie mehr ganz aufgeholt in der öffentlichen
Meinung. Na, günstig. Paßt auf, ihr zwei! Warum? Weil ihr alle
im Handicap wart, darum. Und das habt ihr jetzt los."
„Im Handicap? Wieso, warum?" So Guntsch, und Schraderer noch rascher:
„Was für ein Handicap?"
„Euer Geld. Eure Marie." Zieglgänsberger zündete sich jetzt
eine Zigarette an, er wirkte so noch beweglicher. „Ihr werd's ‘zahlt, oder?
Und nicht schlecht."
„Unsere experte Meinung."
„Unsere Funktion für das Gemeinwohl ..."
„Logisch, logisch. Aber die andern, die Fortschrittsfeinde, die Nobelpreisträger
und ehemaligen Euratom-Funktionäre und Ex-Admiräle, die gegen
die Atomkraft sind und jedenfalls furchtbar expert tun, die wer'n nicht
bezahlt. Die geben ihre gegenteilige Meinung gratis zum Besten, hängen
ihre Zeit und ihr Renommee umsonst hinein. Sie ..."
„Pfuscher!" flammte Schraderer auf. „Dilettanten! Überhaupt nicht
auf dem laufenden! Senile Angsthasen! Die ..."
„Logisch, logisch", begütigte der Minsteriale, neigte sich nach
vorn, tätschelte bebende Handrücken. „Natürlich seids ihr
die Experten, die wirklichen, und die andern die Deppen. Aber weiß
das das Publikum? Das Publikum, das ohnehin die Hosen voll hat vom wahren
Fortschritt, das kriegt Folgendes mit: Die Freunde und Befürworter
der Atomenergie werden von ebendenselben pfundig gezahlt, damit sie dafür
sind. Und die anderen, die dagegen sind, die kriegen keine müde Mark
für ihr öffentliches Gerede, also müssen sie notgedrungen
ehrlicher sein wie ihr, capito? - Und genau hier beginnt der Niedergang
eurer Sache in der öffentlichen Meinung."
„Schlägst du allen Ernstes vor, Ambros ..." Schraderer sprang
tatsächlich auf, Schraderer schlug sich für das Heiligste: „...
schlägst du vor, daß ich umsonst für das Atomforum
arbeiten soll? Daß ich ..."
„Aber warum denn - ?" So Zieglgänsberger, und Guntsch, der schon
restlos durchblickte: „Klar! Leuchtend klar! In der neuen Kommission werden
die anderen auch bezahlt!"
„So ists in der Tat, oder wir wie Italiener sagen, Pietro: ecco. Schnallst
es jetzt, Hans? Der spinnerte 68er zahlt jetzt die andern auch. Und damit
sinkt ihre Glaubwürdigkeit auf euer Niveau ab. Das Publikum weiß
gar nix mehr, kennt sich sich überhaupt nimmer aus, das ist richtig,
aber das ist schließlich der natürliche Zustand des Publikums,
ist es immer gewesen. Es wird euch notgedrungen in Ruh lassen auf eurer
Entscheidungs-, auf eurer Kompetenz- Ebene - was wollt ihr mehr?" Und in
die schon von Morgendämmerung erhellten Zweifel der Lobby hinein wandte
sich Zieglgänsberger mir zu und lächelte: „Hunger hab ich, Pietro
Aretino. Was wird heute empfohlen? Mi piacerebbero Vongole Veraci alla
Marinara fürn Anfang. Und dazu natürlich den Barolo, weißt
schon."
Sie verstehen jetzt, so hoffe ich, meine Sympathie für Regierungsdirektir
Ambrogio Zieglgänsberger.
Pietro Aretino