Die Gazette Nr. 10, Januar 1999:

Die Adresse
 
Eine königliche Büchersammlung

Highlights sind nicht immer Höhepunkte. Wenn aber diese wirklich königliche Bibliothek ihre Kostbarkeiten zeigt, kann man sich der Museumsführung gern anvertrauen: Der ästhetische Gewinn und der Zuwachs an Wissen sind unwiderstehlich. 
Die holländische Koninklijke Bibliotheek hat vor kurzem einhundert ihrer schönsten Stücke ins Netz gestellt und mit kurzen Erläuterungstexten versehen. Gezeigt werden Bücher vom 10. Jahrhundert bis heute, dazu aber auch Exponate zur Technik der Buchdruckerkunst. Alle Stücke lassen sich entweder chronologisch oder thematisch zusammengefaßt ansehen. Themenschwerpunkte dieser Art sind etwa: Mittelalterliche Manuskripte, Holzschnittdruck, Lithographie, Radierungen, Typographie bis 1800, Buchbinderei, Musik oder Geographie. 
Das älteste Buch der Sammlung ist das nordfranzösische Egmond-Evangelium von 975, das ein zweifellos begüterter Dirk und seine Frau Hildegard einem Pater Albert stifteten, „damit er ihrer gedenke in alle Ewigkeit". Der reich illustrierte Band hat eine bewegte Geschichte: Er überlebte die bilderstürmerischen Unruhen in Egmond (Nordholland), wurde nach Haarlem und später nach Köln gerettet, wo er allerdings seinen Einband verlor, Ende des 19. Jahrhunderts in Utrecht wiederentdeckt, vom holländischen Staat angekauft und der Königlichen Bibliothek übergeben. 
Ein ungewöhnliches Layout zeigt die Utrechter Bibel von 1443: Der Text beginnt in der linken Spalte mit einer Vorrede zu den Psalman, so daß erst darunter die Abbildung Platz findet, auf der David gegen Goliath kämpft, unmittelbar darauf dann - im Kopf der rechten Textspalte - die prächtige Initiale mit dem harfenspielenden David, dem Verfasser der hier folgenden Psalmen. 
Zu einem Rottkäppchen-Buch von 1865 erfahren wir, daß vor den Brüdern Grimm das Märchen ein erheblich schlimmeres Ende nahm: Es gab damals noch keinen Jäger, der im rechten Augenblick vorbeikommt und das Mädchen vor dem gefräßigen Wolf rettet. Das Buch hier war mit sogenannten Klappbildern ausgestattet, die sich durch geschickt angebrachte Ziehbänder beim Öffnen der Seite aufstellten. Da eine so heikle Technik in Kinderhänden selten lange Bestand hatte, sind intakte Exemplare dieser Art heute eine Rarität. 
Und dann lernen wir auch noch, wie kompliziert ein heute fast untergegangenes Papier hergestellt wurde: das marmorierte Papier: 
Die freundlich weiterbildende schöne Webseite mit ihren hundert Exponaten hat nur einen Nachteil: Die Grafiken sind von durchaus verbesserungsfähiger Qualität. 

Koninklijke Bibliotheek

Utrechter Bibel von 1443
Utrechter Bibel von 1443

Rotkäppchen, 1865
Rotkäppchen, 1865, Klappbild

marmoriertes Papier

Karli Frigge, marmoriertes Papier, 1992