| Eine königliche Büchersammlung
Highlights sind nicht immer Höhepunkte. Wenn aber diese wirklich
königliche Bibliothek ihre Kostbarkeiten zeigt, kann man sich der
Museumsführung gern anvertrauen: Der ästhetische Gewinn und der
Zuwachs an Wissen sind unwiderstehlich.
Die holländische Koninklijke Bibliotheek hat vor kurzem einhundert
ihrer schönsten Stücke ins Netz gestellt und mit kurzen Erläuterungstexten
versehen. Gezeigt werden Bücher vom 10. Jahrhundert bis heute, dazu
aber auch Exponate zur Technik der Buchdruckerkunst. Alle Stücke lassen
sich entweder chronologisch oder thematisch zusammengefaßt ansehen.
Themenschwerpunkte dieser Art sind etwa: Mittelalterliche Manuskripte,
Holzschnittdruck, Lithographie, Radierungen, Typographie bis 1800, Buchbinderei,
Musik oder Geographie.
Das älteste Buch der Sammlung ist das nordfranzösische Egmond-Evangelium
von 975, das ein zweifellos begüterter Dirk und seine Frau Hildegard
einem Pater Albert stifteten, „damit er ihrer gedenke in alle Ewigkeit".
Der reich illustrierte Band hat eine bewegte Geschichte: Er überlebte
die bilderstürmerischen Unruhen in Egmond (Nordholland), wurde nach
Haarlem und später nach Köln gerettet, wo er allerdings seinen
Einband verlor, Ende des 19. Jahrhunderts in Utrecht wiederentdeckt, vom
holländischen Staat angekauft und der Königlichen Bibliothek
übergeben.
Ein ungewöhnliches Layout zeigt die Utrechter Bibel von 1443:
Der Text beginnt in der linken Spalte mit einer Vorrede zu den Psalman,
so daß erst darunter die Abbildung Platz findet, auf der David gegen
Goliath kämpft, unmittelbar darauf dann - im Kopf der rechten Textspalte
- die prächtige Initiale mit dem harfenspielenden David, dem Verfasser
der hier folgenden Psalmen.
Zu einem Rottkäppchen-Buch von 1865 erfahren wir, daß vor
den Brüdern Grimm das Märchen ein erheblich schlimmeres Ende
nahm: Es gab damals noch keinen Jäger, der im rechten Augenblick vorbeikommt
und das Mädchen vor dem gefräßigen Wolf rettet. Das Buch
hier war mit sogenannten Klappbildern ausgestattet, die sich durch geschickt
angebrachte Ziehbänder beim Öffnen der Seite aufstellten. Da
eine so heikle Technik in Kinderhänden selten lange Bestand hatte,
sind intakte Exemplare dieser Art heute eine Rarität.
Und dann lernen wir auch noch, wie kompliziert ein heute fast untergegangenes
Papier hergestellt wurde: das marmorierte Papier:
Die freundlich weiterbildende schöne Webseite mit ihren hundert
Exponaten hat nur einen Nachteil: Die Grafiken sind von durchaus verbesserungsfähiger
Qualität. |
Utrechter Bibel von 1443
Rotkäppchen, 1865, Klappbild
Karli Frigge, marmoriertes Papier, 1992 |