Gazette 50 Editorial

Alles Lüge! Es entbehrt nicht der Ironie, wenn eine Vierteljahreszeitschrift, also selber ein Presse-Produkt, sich die Lügenpresse vornimmt. Aber wo denn bitte soll diese Thematik ernsthaft angegangen werden, wenn nicht in der
GAZETTE?

Die Lüge, ja, es gibt sie. Gibt es also auch die Wahrheit? Nein, die Wahrheit gibt es sicher nicht. Aber es gibt den journalistischen Anspruch, die Wahrheit zu suchen, sich ihr zu nähern. Und dazu ist oft unerlässlich, verschiedene Ansichten  aufzuzeigen. Auch ein Chefredakteur, der eine eigene, dezidierte Meinung hat, muss gelegentlich Texte publizieren, die er selber nicht geschrieben haben möchte. Sein Bestreben muss es sein, sich der Wahrheit – oder bleiben wir etwas bescheidener: sich der Realität – zu nähern.

Ein heute pensionierter deutscher Fernseh-Mann hat mir kürzlich gesagt, von all den Spitzenpolitikern, mit denen er es in seiner Berufsarbeit zu tun hatte, sei ihm Erhard Eppler immer besonders sympathisch gewesen. Der habe nie an Applaus oder Karriere gedacht, sondern sei ganz einfach ehrlich dahergekommen. Erhard Eppler wird noch in diesem Jahr 90. Ich habe ihn besucht und bin ein bisschen stolz darauf, ihn jetzt im Blatt zu haben. Mit einem Text, den ich fast Wort für Wort unterschreiben könnte.

Leid tut mir, dass diesmal die Rubrik „Blick nach draußen“ fehlt. Eine wichtige Rubrik! Aber mit Giorgio Agamben, dem Italiener in Paris, und mit Guido di Mina Sospiro, dem Italo-Argentinier in den USA, haben wir ja wenigstens einen Blick von draußen im Blatt.

95 Seiten schwere Kost also? Nein, aber, um bei der kulinarischen Metapher zu bleiben, Slow Food ist es schon. Der in und neben der Lügenpresse grassierende Häppchen-Journalismus ist nicht das Ding der GAZETTE.

 

Christian Müller
Chefredakteur