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DIE GAZETTE 32,
Winter 2011/2012:

Thema: Was ist Geld?

Hans C. Binswanger:
Sakrales und Profanes

Birger P. Priddat:
Lakritz, Feigern und Biermarken

John Ralston Saul:
Geld gibt es eigentlich nicht

u.v.m.

Kulturzeit-Interview zum Heft,
22. Dezember 2011

 

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Wer viel fragt

Andererseits gibt es aber auch eine Menge Fragen.

 

Titel 31

 

 

 

 

Der Wiederholungstäter

(Bei Günter Jauch, 8. Januar 2012:)

Blome: Ganz am Ende sagt der Bundespräsident – auch im Spiegel zitiert, und auch das stimmt – des Bandes sagt der Bundespräsident, dass ihm selber bewusst sei, dass er das, was er da gerade gemacht habe auf dem Band, dass das ein einmaliger Vorgang sei, dass er also eine Haltung präsentiere, wie er das in seinem Leben noch nicht gemacht habe.

(Dass Wulff das in seinem Leben noch nicht gemacht habe, ist unwahr. Denn, wie Jan-Eric Peters, Chefedakteur der Welt, in Welt online berichtet, hat Wulff dasselbe ein halbes Jahr vorher schon einmal getan, und zwar mit Vorsatz und Nachdruck:)

Drei Tage vor der geplanten Veröffentlichung [einer Story über Wulffs Halbschwester] übermitteln unsere Reporter dem Bundespräsidialamt am 23. Juni 2011, einem Donnerstag, einige Fragen. Die Antworten werden für den nächsten Tag versprochen – stattdessen Anrufe in der Chefetage der Redaktion. Wulffs Staatssekretär versucht, die Geschichte zu verhindern. Ohne Erfolg, wir machen klar, auch ohne Auskünfte drucken zu wollen. Daraufhin wird Uwe Müller, einer unserer Reporter, am Freitagabend für den nächsten Morgen ins Schloss Bellevue gebeten: ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Bundespräsidenten selbst. Eine schöne Gelegenheit, die Sache persönlich zu besprechen.
Das Gespräch beginnt nett, man unterhält sich über ein Gemälde im Amtszimmer des Staatsoberhaupts, auf dem das barocke Dresden zu sehen ist. Dann aber, als es um die geplante Geschichte geht, wird es eisig. Der Bundespräsident droht Müller gleich mehrfach und massiv mit unangenehmen Konsequenzen im Falle einer Veröffentlichung. Er werde die Gerichte bemühen, eine Pressekonferenz einberufen und die „Welt am Sonntag“ dort an den Pranger stellen, außerdem jede Zusammenarbeit mit der „Welt“-Gruppe beenden, Interviews könnten wir künftig vergessen. (...) Nach dem Gespräch mit unserem Reporter folgen weitere unangenehme Anrufe. Der Bundespräsident interveniert beim Vorstandschef und versucht über die Bundeskanzlerin, die Handynummer von Friede Springer zu bekommen.

 

Der Fall Wulff

Von Harry U. Elhardt

Am Donnerstagmorgen distanzierte sich Bild in den Worten des stellvertretenden Chefredakteurs und Leiters des Hauptstadtbüros, Nikolaus Blome, deutlich vom Knappen der Kanzlerin, der in Bellevue derzeit noch als Bundespräsident posiert. Nach Blomes Aussage hatten die Anrufe Wulffs nur ein Ziel: die Berichterstattung über die Wulffschen privaten Finanzarrangements zu verhindern. Da es nachweislich mehrere Anrufe gegeben hat, ist der Plural nicht nur angemessen, sonder er macht auch klar, dass es sich bei diesen Anrufen nicht um eine einmalige Spontanreaktion handelte, wie Wulff es darzustellen versuchte. Es liegt auf der Hand: Das war ein systematisches Vorgehen, denn die Wulffschen Anrufe eskalierten vom Leiter des Hauptstadtbüros, zum Chefredakteur bis hin zur Verlagseigentümerin, Friede Springer.
Ein Zeichen ziemlicher Nervosität. Aber warum?

Zwei Tage vor Blomes klarer Distanzierung fand die ehemalige Kohl-Beraterin und Professorin Gertrud Höhler bemerkenswert deutliche Worte für Wulffs recht ökonomischen Umgang mit der Wahrheit und das, was Wulff zu diesem Verhalten trieb: nämlich Eitelkeit und Stolz. Sehr persönliche Eigenschaften.
Im Falle Wulff geht es aber nicht um persönliche Verfehlungen. Worum es hier geht und weshalb Wulff das Amt und Bellevue zu verlassen hat, ist sein offenbar wiederholter Versuch, seine Stellung und seine Macht zu missbrauchen, um in das Grundrecht der Pressefreiheit einzugreifen.

Es ist schon lange her, dass Machtmenschen wie Adenauer und Strauß dies getan hatten, damals, in der historischen Spiegel-Affäre. Da benutzte man den Vorwand der nationalen Sicherheit. Wulff trieb bei seinen wiederholten Anrufen nicht die Sorge um die Menschen in Deutschland um – etwa zur Abwehr einer vorgeschützten „Gefahr im Verzuge“ – sondern er war in seinem außerordentlichen Bemühen ausschließlich davon getrieben, Gefahr von sich selbst abzuwenden.
Eine eigenwillige Interpretation seines Amtseids.
Welch ein Präsident, dem sein Eigeninteresse so unter die Haut geht. Und das passt zur Einschätzung Gertrud Höhlers, die in seinem Verhalten nur rein persönliche Beweggründe finden konnte. Das Zeugnis für diesen Herrn in Bellevue kann daher nur lauten: Ungenügend.
Das müsste auch den salbadernden Apologeten klar sein, die wie erwartet davor warnen, das Amt nicht zu beschädigen. Nur: Beschädigt hat es der Amtsinhaber. Und zwar massiv.

Um auf Professor Höhlers Bemerkung von Eitelkeit und Stolz zurückzukommen: Hochmut, so heißt es, kommt vor dem Fall.
Im Fall Wulff gibt’s die üblichen Mechanismen von Amtsenhebungsverfahren nicht. Bleibt also nur die Hoffnung, dass die Kanzlerin Einsicht zeigt und ihrer in drei Wahlgängen letztlich durchgesetzten präsidialen Präferenz sehr deutlich zu verstehen gibt, daß er in seiner parochialen Welt in Braunschweig besser zuhause wäre.
Aber ob oder wann es dazu kommt? Keiner sollte deswegen den Atem anhalten.